Samstag, 21. Oktober 2023

Tourtag 13 Pleneuf Val de Andres - Saint-Brieuc






Am kommenden Morgen beim Frühstück plante ich organisatorisch die noch ausstehenden Strecken. Busverkehr, die Länge der Strecke, Dauer. Es war eng. Der erste Bus würde mich erst gegen 13.00h Mittags nach Pleneuf-val de Andres bringen, wie ich feststellte. Von Saint-Brieuc aus zu starten, war riskant. Denn es gab keine Möglichkeit abends mit dem Bus zurückzukehren. 
Ich überlegte zunehmend, ob ich lieber die knapp 40 Kilometer komplett gehen sollte, sprich mit dem erwähnten Mittagsbus nach Pleneuf zu fahren, um von dort aus zu starten. Vierzig Kilometer daher, da ich mein Nachtquartier inmitten der Stadt hatte, kein Lager wie sonst am direkten Küstenweg.
Und ehrlich gesagt, da war sie auf Anhieb, diese gewisse Gier, das Unmögliche möglich zu machen. Körperlich war ich doch fit. Ich hatte bis auf wenig Proviant und Wasser nichts zu tragen. Dazu reizte es mich gedanklich sehr, etwas auszuprobieren, was ich so noch nicht machte. Dieses nicht wissen, wie lange ich unterwegs sein werde. Eine Challenge für den eigenen Körper, für die eigene Seele. Zum anderen war klar, das ich bei Erfolg einen Ruhetag danach mehr haben würde. Und das in Saint-Brieuc mit garantierter Partytime, beziehungsweise mit vielen Musikveranstaltungen über Pfingsten.
Ich überlegte gar nicht lange weiter. Ich stellte etwas Proviant zusammen, etwas zu trinken und nach dem aufladen der Batterien sollte es los gehen.
Ich erwähnte noch nicht, das mir der Campingplatz Besitzer einen Raum mit Stromanschlüssen zuwies, da ich ja wie beschrieben irgendwo am Wegrand auf einer Wiese mein Zelt aufstellen musste. So hatte ich Vorzüge, um bequem zu sitzen und Stromanschluss wie auch Küchengeräte nutzen zu können. Viele Plätze haben Aufenthaltsräume, damit man sich bei anhaltenden Regen dort drin aufhalten kann, oder damit Kinder sich mit Spielen beschäftigen können.

Und wieder fuhr ich wie an dem vergangenen Samstag bei meiner Ankunft mit dem Bus nach Pleneuf. Diesmal schon mit dem Ausstieg am Marktplatz, nicht weit entfernt von der Strandpromenade. Es war zirka 15.00h, wo ich mich auf eine lange Tour aufmachte, mit ungewissem Ausgang, mit den Aufgaben die Tour schaffen zu müssen, und währenddessen die Küstenlandschaft zu genießen. Ihr glaubt gar nicht, was das für Gefühle sind, wenn man an einem Punkt startet, nicht wissend wie lange es dauern wird, nicht wissend, welches Ende es nehmen wird, aber im tiefen Inneren aus Erfahrung weiß, welch mögliche geile Strecke mit unbekannten Ausgang es sein wird. Es ging wieder in Richtung Strand, diesmal in Richtung Süden. Von da an wanderte ich den gesamten Nachmittag und den folgenden Abend entlang der Baie de Saint-Brieuc.

Der erste Hügel, den ich nach dem langen Strand beging, führte mich zu einem Gebäude aus der Zeit um 1750. Ein Zöllnerhaus, welches gut erhalten dort oben stand. Weiter ging es in die kleine Bucht und dem Hafen von Dahouet. Dort gab es am kleinen Bootshafen kleine Geschäfte und eine Bäckerei. Und obwohl ich noch nicht weit gekommen war, gönnte ich mir schon dort einen Cafe samt Croissant und Schokobrötchen, wie sie in Frankreich üblich sind. Ich habe keine Erklärung dafür, warum ich für diese kleine Pause die Geduld aufbrachte. Im Alltag zählt doch jede Minute, um die unter gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck geprägten Dinge zügig zu schaffen. Dort wusste ich von einer schweren Aufgabe, dort wuchs ich langsam mit jeden weiteren Kilometer in ein für mich passendes Selbstverständnis, ruhig zu agieren und keine Hektik zu machen, wenn es nicht nötig war. Ein Trick dabei war, das ich selbst wenn ich um die schwierige Aufgabe wusste, mir immer wieder einzureden: Du schaffst das - Du musst das schaffen - Du schaffst das! Denn es war alternativlos. Die Streckenapp zeigte mir an, das ich das Ziel erst am späten Abend erreichen würde, daher musste ich es so hinnehmen. Mit dem Wissen dieser Konsequenz hatte ich viel an Unruhe entfernt und konnte total befreit den langen Weg mit der ein oder anderen Pause angehen.

Es ging weiter, bis ich zum gewohnten grünen Höhenweg entlang der Küste ankam. Mich trug ein recht schneller Schritt, den ich beibehalten wollte, um zum Anfang viele Kilometer hinter mir zu bringen. Und trotzdem, es war wieder einmal sehr fotogen. Bei ablaufenden Wasser machten sich viele, viele Muschelbänke breit. Ich hatte sie auf der ganzen Tour noch nicht in solchen Größen gesehen. Viele Kilometer lang reihten sie sich nacheinander an. Dazu die nötige Pflege bei Ebbe der Eigner, die aus einer Mischung von Booten und Traktoren durch die offenen Wege zwischen den Muschelbänken fuhren. Es war schon sehr beeindruckend, welch aufwendige Arbeiten dafür erforderlich war. Für Delikatessen, die in Frankreichs Restaurants ihren stolzen Preis haben.
An einem Aussichtspunkt gab es für mich die nächste Pause, es kam zum Verzehr von einem Stück Baguette, einem Joghurt und einem Apfel. Mehr war nicht dabei. Nichts Schweres was mich kommend im Magenbereich belasten sollte. Für Genussattacken hatte ich an folgenden freien Tagen in der Großstadt genügend Gelegenheit.     
Vor mir gab es am Wasser wie angedeutet reichlich Muschelbänke. Wie Tausende von Soldaten, sauber und ordentlich in rechteckigen Truppen aufgegliedert waren sie dort am Strand aufgeteilt, nun vom Meerwasser befreit. Ein Ort, an dem ich gerne noch einige Zeit verblieben wäre. Ich hätte mit Interesse weitere Arbeitsvorgänge der Austernfischer beobachtet, aber diese unbekannte weite Strecke wartete noch auf mich. Und die Entscheidung des aufstehen war richtig, denn nach einigen Kurven des Weges bekam ich eine bis dahin unbekannte Aufgabe. Zuerst erkannte ich eine immer breiter werdende Bucht. Ein großes Rund, was sich dort mit viel Sandstrand öffnete. Einzelne Spaziergänger waren aus der Ferne zu erkennen, dazu eine sportliche Kutsche mit Pferd und Fahrer. Dort, wo es zum Strand tief hinunterging, war unterhalb einer kleinen Kapelle ein Kreuz zu sehen. Leider war die Kapelle geschlossen und nicht begehbar. Auch hier wieder eins der vielen Postkartenmotive. Denn das erwähnte Kreuz stand etwas tiefer auf einem kleinen Hügel mit dem Hintergrund der breiten Bucht.

Ich folgte dem Weg und stellte dann erst fest, das ich an einer Flussmündung angekommen war. Ein schmales Rinnsal mit dazugehörigen Flusswasser und dem rechts und links breiten Sandverlauf, bedingt durch die damalige Ebbe. Ein schmaler kurvenreicher Pfad, der mich nun landeinwärts führen sollte. Die Optik beschränkte sich von da an für lange Zeit auf grüne Pflanzenhecken und einem engen Mischwald. Immer wieder hoffte und dachte ich an einen kommenden Abstieg, um über eine schmale Brücke, oder einem flachen Gewässer zum gegenüberliegenden Ufer zu kommen. Aber Pustekuchen, es war eine für diese Momente unendliche Strecke, die einfach nicht enden wollte. Es machte mir Angst, wie viel Zeit ich bezüglich des langen Streckenverlauf ins Landesinnere noch brauchen würde. Dazu die Gedanken, das je länger es dauern würde, ich bescheidener mit dem Trinkwasser haushalten müsste.

Ich begann von da an nur noch auf den Boden zu gucken, um den kurvenreichen Verlauf auszublenden. Es ärgerte mich, das ich jeden Meter, den ich mich vom Meer entfernte, auch später auf der anderen Seite wieder zurück gehen müsste. Plus der noch ausstehenden weiteren Küstenbegehung, und den Schritten in die Stadt. Die eventuelle Not, wegen fehlenden Trinkwasser körperliche Probleme zu bekommen, brachten mich dazu, anders mit meinem Denken zu taktieren. In vielen Erinnerungen hatte ich Momente von früher gespeichert. Da wo entweder in der Familie, oder in anderen Gruppen viel Unlust und Missmut aufkam, je länger ein unbekannter Weg gehen sollte. Somit zwang ich mich zu einer positiven Denkweise. Auch um abzuwarten, bis dann endlich eine Wende auf dem Weg zum anderen Ufer kommen würde. Denn ich erinnerte mich an viele Wanderstrecken, wo ich nach überstehen schwieriger Passagen immer sehr Happy war, und die weitere Strecke mit guter Laune und einem Lachen vor Freude weiterging. Und tatsächlich ist das bis heute so geblieben, das ich diese Strecke als Beispiel hervorhole, um mich zu beruhigen, wenn etwas unerwartet schlecht läuft. Denn, im Danach steigt immer die Welle von Freude des Geschafften, es gibt Zufriedenheit, eine Aufgabe mit Geduld geschafft zu haben, egal wie anstrengend, egal wie hoch der Adrenalinpegel war.

Das Dickicht wurde offener, ich war sichtbar näher am Fluss, es war auf der anderen Seite ein bewohnter Hof erkennbar, ich hatte es fast geschafft, eine Brücke weit dahinter war erkennbar. Als ich die asphaltierte Zufahrtsstraße erreichte und über die Brücke gehen konnte, merkte ich wie sich die Mundwinkel nach oben zogen, wie das gesamte Gesicht eine strahlende Haltung einnahm. Und Klick, genau da war dieser Moment, wovon ich eben noch schrieb. Mein Schritt war wieder schneller, ich hatte wieder positive Gedanken in mir, die mich weiter pushen sollten. Ich beging nun den Weg teilweise wieder springend und hopsend, endlich wieder in Richtung Meer und hatte viel Freude daran. Auf dieser Seite war ich höher als auf dem Hinweg drüben, und es gab viel mehr offene Sichtstellen zum Fluss. Hier ging es recht kurvenreich zu, genauso wie der Flussverlauf. Zum Teil grün schimmerndes Wasser, welches erkennbar mehr wurde, da wohl die Flut wieder einsetzte. Ob es wirklich so war, weiß ich nicht, aber ich war gefühlsmäßig schneller an der Mündung, als wie eben noch auf der anderen Seite in die andere Richtung. Vor mir der große offene Mund der Bucht, mit der mir gegenüber liegenden kleinen Landzunge, wo sehr gut die vorher gesehene Kapelle zu erkennen war.

Der Weg war nun recht einfach zu begehen, Stückweise immer wechselnd am Waldrand oder entlang von Wiesen. Vom Gefühl her zog sich die Strecke länger und länger. Mein Weg führte durch ein Dorf, sehr leer und einsam die Schritte dort, ohne eine Menschenseele anzutreffen. In der Ferne war eine Landstraße zu deuten, einzelne Häuser, wo ich eine Buslinie samt Haltestelle vermutete. Aber es war alles nur ein Wunschkonzert. Der Weg auf einem angelegten Deich führte in einer langgezogenen Kurve wieder von alledem weg. Meinen Wunsch den gegenüberliegenden Berg zu erreichen, da ich dahinter Saint-Brieuc vermutete, verzögerte sich immer mehr. Die Dämmerung hatte schon längst eingesetzt, eine bis dahin nicht gesehene Mondsichel war zu sehen. Mein Streckenverlauf hatte schon länger nichts mehr mit einem Küstenweg zu tun. Und meine Hoffnungen etwas zu essen zu bekommen wurden auch immer geringer. Google-Maps führte mich immer weiter Stadteinwärts, später auch vorbei an großen und stark befahrenen Straßen. Bis ich dann endlich das Viertel mit dem gesuchten Campingplatz erreichte, hatte ich eine Menge an Schritten auf Asphalt hinter mir. 
Dort angekommen war es zirka 00.00h, damit meine längste Wanderung zeitlich wie auch von der Länge her auf dem Zöllnerpfad. Für das schlafen reichte es noch nicht, da noch eine Menge Adrenalin abgebaut werden musste, und ich irgendwie das Gefühl von Hunger überbrücken musste. Ein Restbestand von Erdnüssen, Wasser und eine Pfütze Rotwein sollte mein nahrungsmäßiger Abschluss neben dem berechnen der nun gegangenen Kilometer sein.

Somit stand am folgenden Tag kein Programm an, da ich die geplanten Strecken komplett gegangen war. So hatte ich zum ersten mal eine Situation, wo ich mir in den folgenden zwei Tagen bis zur Abfahrt Stadtansicht und sonstige Freizeiten wie das beginnende Musikfestival zeitlich leisten konnte. Mit diesem entspannten Gefühl konnte ich in den Schlafsack krabbeln und ohne den Wecker zu stellen einschlafen.

Mit dieser Tour hatte ich nun wirklich Abschied genommen von der Cote de Emeraude, meinem Einstieg auf diesen damals unbekannten und mit viel Freude beginnenden Küstenweg.

Mit Spannung und Neugierde wartete ich von da an auf neue Wanderabenteuer, wenn sich entlang der Cote D'Armor die Küstenansicht hinter der Baie de Saint-Brieuc sehr verändern sollte.

Auch wenn es bei weiteren Touren noch einiges mehr an Lerneffekte gab, bezüglich meines Verhaltens, meiner Ausdauer und mein Umgang mit mir bei aufkommenden Problemen, diese Tour hat mich innerlich sehr, sehr gefestigt. Denn ich wusste nun, das ich in Zwangslagen es schaffe durchzuhalten und nicht nervös zu werden. Und bei weit späteren Etappen gelang es mir, die Merkwürdigkeit einer überraschend länger werdenden Strecke gedanklich total anders zu verarbeiten und zu deuten. Natürlich ist es der Optik wegen frustrierend eine andere Art des Wegs zu gehen, doch auch ungeliebte Wege sind ja faktisch keine Umwege, wobei sich die Strecke verlängern würde. Schließlich bleiben wie auf der hier beschriebenen Strecke  vierzig Kilometer die gleichen vierzig Kilometer, auch wenn ein Weg einen anderen Verlauf nimmt. 

Allein unterwegs zu sein bedeutet auch, das man viel Zeit mit sich selbst gedanklich verbringt, wobei ganz oft ein eigenes reflektieren stattfindet und gut tut.






Hafen von Dahouet

In Sichtweite die großen Muschelbänke






Chapelle Saint-Maurice


Le Gouessant









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