Freitag, 27. Dezember 2024

Tourtag 17 Lezardrieux - Plougrescant

 

Tourtag 03 0923 GR34meinbunterWeg Lezardrieux - Plougrescant

(weitere Bilder folgen) 





Ein weiterer Wandertag auf dem GR34, der zuerst nicht das brachte, was man von einem üblichen Tourtag erwarten würde. Was sich dann aber im Laufe des Tages entwickelte, zeigt, wie schnell sich Gegebenheiten ändern können, wie schnell und dynamisch Entwicklungen stattfinden. Ob dem kennenlernen anderer Menschen oder auch die stetig verändernde Landschaft. Rückblickend war es der tollste Tag mit den beeindruckendsten Wahrnehmungen auf dem von mir gewählten Fernwanderweg. Bis in den späten Abend gab es fortlaufend Momente, wo mich Eindrücke prägten, wo ich dankbar war, diesen Mut zu haben. Diesen Mut mich aus alten Umklammerungen des Lebens gelöst zu haben und mit Neugierde neue Dinge auszuprobieren. Damals nicht wissend, das es später weitere beste Tage auf meinem Weg geben würde, stufte ich diesen Septembertag als meinen schönsten der bis dahin gegangenen Etappen ein.

Regen bremste mein Fortkommen am Morgen aus. Ich hatte zwar eine überdachte Sitzecke direkt neben meiner Zeltfläche, aber kalte und feuchte Luft erschwerte nach dem Frühstück das abbauen und packen. Dazu ein weiterer Tourer vor Ort, der mit dem Rad an der Küste unterwegs war. Ein Ire, der mit dem Schiff in „Roscoff“ ankam, und weit und ausgedehnt von seinen Weggeschichten erzählte, was mir viel Zeit raubte. Es war zeitraubend während des packens der englischen Sprache zuzuhören, innerlich zu übersetzen und freundlich zu bleiben, beziehungsweise freundlich zu antworten. Doch irgendwann an dem Samstag konnte ich mich mit Verspätung vom Campingplatz dort lösen. Das Ziel war „Treguer“ um von dort in Richtung „Plougrescant“ nach Norden weiter zu kommen. Es war nicht weit zur dicht befahrenen Landstraße, wo ich wenn es günstig lief, mit einem dort haltenden Linienbus weiter kommen wollte. Doch laut Busfahrplan fuhr in den weiteren Stunden kein Bus, so das ich vorerst entlang der Straße ging. Mit jedem weiteren Schritt merkte ich das es direkt neben der Fahrbahn schwierig werden würde bis nach „Treguier“. Und wie von einem inneren Impuls ausgehend hob ich bei nun jedem hörbar vorbei fahrenden Auto meinen linken Arm, um eventuell von dem ein oder anderen per Anhalter mitgenommen zu werden. Schon hinter dem Ortsausgang hielt an einer Abfahrt ein Wagen. Das Fenster ging runter und im feinsten Englisch fragte man nach meinem Ziel. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie der Fahrer ausstieg, im hinteren Bereich Platz schaffte, wo ich dann etwas beengt aber glücklich mit meinem Gepäck auf der Hinterbank saß. Schnell waren wir während der Fahrt in einem Austausch darüber, welche Ziele jeder von uns hatte. Das britische und ältere Ehepaar war zu Besuch von Verwandten unterwegs und hätte mir am liebsten von vielen zufriedenen Zeiten in der Bretagne erzählen wollen. Aber recht schnell war die Fahrt nach „Treguer“ auch schon wieder vorbei, wo man mich am Parkplatz am Yachthafen und dem Office de Tourisme de Treguier rausließ. Dort mit Informationen eingedeckt beschaffte ich mir in der naheliegenden Bäckerei einen Cafe und Croissants, setzte mich dafür auf eine Bank und plante erst einmal gar nichts. Was im normalen Alltag und Leben bislang selten vorkam, nutzte ich immer öfter auf der Tour, das simple sacken lassen von Gedanken, zu ruhen um dann eine für mich passende Entscheidung des Fortgangs zu treffen.

Ich gebe zu, das wenn ich noch nicht unterwegs bin, das es mich manchmal ausbremst, wenn ich nicht weiß, wie lange ich wirklich bis zum Ziel brauchen werde. Oder ob ich irgendeinen Supermarche oder Bäcker dort finde um mich vor dem Wochenende mit Proviant einzudecken. Letztlich stimmen fast immer die Angaben im Internet bezüglich der Öffnungszeiten, doch es gibt immer ein Rest an Angst, das diese nicht stimmen. Es scheint ein deutsches Problem zu sein, das man immer hundertprozentig abgesichert sein möchte, das eben alles klappt. Menschen wie hier in Frankreich, der Bretagne sind da irgendwie lockerer. Mittlerweile legte ich es ab, dauernd Stress oder Angst davor zu haben, keinen Schlafplatz und kein Essen zu bekommen. Wobei es doch keine Schande wäre, dieses kleine Zelt auf irgendeiner Wiese entlang des Pfads aufzustellen, und den einen Riegel oder das Stück Baguette übergangsweise bis zum nächsten Morgen zu essen. Vielleicht ist auch das ein Problem deutscher Gedanken, sich formell irgendwo zum schlafen anzumelden, oder Angst zu haben, bis zum nächsten Morgen zu verhungern.

Was folgte, passte wahrlich in die Geschichte des damaligen Samstag Vormittag hinein. Auch das ich mittlerweile weniger hektisch und unruhig reagiere, egal was passiert, egal wie aussichtslos eine Planung sein mag. Eigentlich musste ich ja nur den Rucksack aufnehmen, den Weg suchen, um dann entlang des „Jaudy“ zum Meer weiterzugehen.

Während ich mit diesen nun geschilderten Gedanken beschäftigt war und mich unnötig ausbremste sah ich eine Frau auf mich zukommen, die gerade einen kleinen Einkauf in ein Auto mit deutschen Kennzeichen lud, und gestikulierend dem Versuch nahe war, mich auf Englisch zu fragen, wie bequem oder unbequem diese Art von Reisen für mich wäre. Momente wo ich grinsen musste, schaffte es doch die gute Frau mich aus gedanklichen Problembereichen zu reißen, die ich mir selbst unnötig antat. Überraschend über meine deutsche Antwort fragte sie bewundernd über diese Reiseart, wohin es für mich gehen würde. Klar definierte ich mein Ziel, einen Campingplatz bei „Plougrescant“ zu erreichen, denn dort sollte es spektakuläre Felsenlandschaften geben.

Ohne wenn und aber kam ihr Angebot, einen Moment auf ihren Mann zu warten, um dann folgend mich zu dieser Gegend zu fahren. Dies war erst einmal eine freudige Überraschung, wenn ich auch etwas Peinlichkeit verspürte. Da ich ihren Mann noch nicht kannte, wusste ich nicht wie er ob des von ihr entschiedenen zusätzlichen Umweg reagieren würde. Und im Moment, wo ich schon wieder begann zu grübeln, machte sie Platz im Auto und forderte mich auf, mein Gepäck schon einmal einzuladen. Und währenddessen kam er schon, beladen mit seinen Einkäufen. Sie wies ihn direkt an, das es vorerst noch einmal in den Norden ging, um mich dorthin zu bringen. Er war nicht ungehalten bezüglich dieser Weisungen, aber man merkte ihm eine dezente Überraschung an. Mein Ziel wurde im Navi eingegeben, wobei ich schlucken musste, das sie etwa 10 Kilometer in eine Richtung fahren mussten, die sie gar nicht eingeplant hatten. Man erzählte unterwegs von weiteren Absichten der Ferien vor Ort, und das ein angenehmes Landhaus auf sie warten würde. Und schneller als gedacht war ich dann schon in „Plougrescant“, wobei ich da erst so richtig merkte, das mir die Zuwanderung entlang des Wanderwegs fehlen würde. Diese Situation bescherte mir allerdings einen großen freien Zeitraum zum Nachmittag, den ich dann zum wandern und erkunden dieser sehr wohl bekannten Gegend nutzen wollte. Trotzdem ich auf den Campingwart wegen seiner Mittagspause warten musste, gab es keine Langeweile. Denn bei meinem Rundgang um dem Platz stellte ich fest, das ich mich auf einer kleinen Landzunge, „Beg ar Vilin“ befand, die mit dem Festland nur durch einen Zufahrtsweg erreichbar war. Alles andere drum herum war Gebiet, wo wohl bei Flut Wasser zu erwarten war. Direkt am nördlichen Bereich war ich am Strand mit Blick auf eine kleine bewohnte Insel. Dort war ich direkt an einem Anbaugebiet für Muscheln und konnte diese formierten Gitter zum ersten Mal aus nächster Nähe sehen, auch wenn zum Teil das Wasser noch an deren Oberkante war. Der weitere Rundgang des Platzes mit Stellflächen für Camper und mietbaren Holzhütten offenbarte mir Sicht zur gegenüberliegenden Küste, wo ich zwei Tage zuvor entlang der Flussmündung des „Trieux“ entlang ging. Und noch ein Stück weiter herum schloss sich der Kreis dieser kleinen Landzunge mit weitem Gebiet des dort flachen Gewässers, wo im sandigen Grün ein kleiner mir von der Karte bekannter Bootsfriedhof war. Vier alte meist auseinander gefallene Holzboote lagen vor Ort, die ich mir gerne bei Niedrigwasser angucken wollte.

Nachdem der Platzwart mir einen Ort zum aufstellen meines Zeltes zuwies, konnte ich im nahen Ort einkaufen und schauen, ob ich von dort aus meine nun geplante Runde gehen konnte. Die Karte meines Routenplaners zeigte mir an, das zeitlich wie auch von der Länge her die Strecke ein machbares Programm bis zum Abend wäre.

Der kleine Laden war ein Mix aus Bäckerei, Supermarkt und Cafe. Unter anderem griff ich zu einer Dose mit Linsensuppe, die mit groß geschnittener Bockwurst angereichert war.
Hinter dem Marktplatz kam ich zur „Chapelle Saint-Gonéry“, die berühmt für ihren schrägen Turm ist. Leider war diese geschlossen. Doch aus dem Zentrum heraus kommend kam ich zur recht großen Pfarrkirche „Saint-Pierre“. Ich hatte das Glück beim hereintreten den bunten Schatten der Fenstergläser auf dem Boden zu sehen, da die Sonne gerade recht günstig dafür stand.
Der Straßenverlauf war dahinter hügelig und so sah ich im Wechsel Getreidefelder und weit dahinter das grau gefärbte Meer. Dazwischen gab es noch einmal so richtig alte bretonische Häuser die in jeden früheren Mittelalterfilm hinein gepasst hätten.

Und schon war ich am direkten Küstensaum. Das Wasser drückte weiter hinaus, so das ich mehr und mehr eine Gegend von kleinen wie große Felslandschaften vor mir hatte. Kleine Inseln, die zeitweise sichtbar wurden, zwischendurch besiedelt mit ein bis zwei Häusern. Eine Kulisse, die zum malen einlud. Ich vermutete, das bei ganz zurückgezogenen Wasser Pfade oder Wege dorthin führten. Und dann hier und da zwischen den blank hervor scheinenden Felsen Boote, die dort mittlerweile auf Grund lagen.

Und als würde das noch nicht reichen, waren in meinem Hintergrund hinter dem Wanderweg wieder die üblichen bretonischen Häuser, die unter Zedern stehend auf gewaltige Felssockel gebaut wurden. Und auch dies sah wieder mehr nach einem Bild aus, gezeichnet wie von einem geübten Maler und Künstler.

Der Weg gab noch einmal einen dort vorhandenen Parkplatz frei, da sich dort bezüglich des weiteren Verlaufs eine Sackgasse befand.

Es war Samstag Nachmittag, und wohl deswegen dementsprechend nicht sehr gefüllt mit weiteren interessierten Passanten. Ich erwähne es deswegen, weil sich von diesen Punkt aus eine Kulisse auf dem weiteren Weg öffnete, die unvergessen bleiben wird. Somit konnte ich bis auf Ausnahmen jedes mir bietende Naturbild alleine genießen. Es war zum Beispiel eine solch bizarre Felsenformation in der Größe eines kleinen Hauses zu sehen, wo mir beim längeren Anblick die Formulierung Felsenkathedrale aufkam. Nach wenigen Kurven und Schritten erblickte ich den nächsten Höhepunkt. Hinter einigen großen Felsklötzen stieg ein zusammenhängendes hohes Motiv heraus, welches beim betrachten in Richtung Wasser an ein gemeinsames Paar erinnerte. Eng umschlungen, und das geprägt und geschaffen von der Natur, eben vom Wasser, von Winden und Sand.

Ich hatte noch etwas leckeres dabei. Kurz vorher im erwähnten Laden gönnte ich mir ein Stück Kuchen, was sonst nicht üblich war. Eine Art Käsekuchen mit Kirchen oder Pflaumen darin, eingepackt in einer bretonisch üblichen Faltschachtel. Und bevor irgendeine andere Person gleiches machen wollte, stieg und kletterte ich über die Felsen bis ich eine gerade Sitzflächen für eine Pause für gut befand. So hatte ich die Felsenkathedrale und das steinerne Pärchen direkt im Blickfeld und vor mir.

Momente die ich genoss, diese Ruhe vor Ort, unterbrochen vom Brandungswasser in der Ferne und den gewohnten Schreien der Möwen. Es fehlte lediglich der Kaffee zum Kuchen und dem Ausblick.
Mag mancher Moment noch so schön sein und glücklich machen, ein weitergehen ist leider unumgänglich. Zum Teil war dank eines Akkus das Handy wieder geladen, um weitere Bilder auf der restlichen Strecke machen zu können.
Es ging immer wieder an Steinwüsten vorbei, schon mal unterbrochen von optischen Mulden, in denen sich bunte Boote vereinzelt tummelten.

Aus der Ferne war in Richtung Meer ein großer Felsenblock erkennbar. Der Weg schlängelte sich kurz hin und her, aus dem Nichts waren auf einmal aus Granit Mauerreste und ein altes Haus vor mir. Etwas weiter musste wieder ein Parkplatz sein, denn hier wurden es nun mehr Menschen, die Wege nutzten um in Richtung Meer zu gehen. Und schlagartig stand ich an einer Wegkreuzung wo neben einem fast leeren großen See dahinter die eben genannte Felswand auffiel. Zwei riesige Felsen, wobei mittig in der einmal vorhandenen Leere ein Granithaus stand. Eingezäunt mit zwei direkt davor stehenden Autos.

Maison du Goffre de Plougrescant“

Es ist das Motiv schlechthin, was auf vielen Postern oder auch Kalender erhältlich ist, wenn es um bretonische Sehenswürdigkeiten geht. Ob es so gewollt oder doch mehr Zufall ist, auf fast jedem Bild sind ein bis zwei Autos der Besitzer sichtbar.

Der Touristenstrom zieht dort vorbei, um das tosende Wasser und seine heftige Brandungen an Felswänden auf einem Rundweg zu beobachten. Wahrlich ein Naturschauspiel, wobei ich zum Schluss mit Fotoaufnahmen kapitulieren musste, da der Bildschirm vom Gerät dunkel war, und ich mit einen Schaden rechnete.

Sofort war ich mehr mit Sorgen auf dem restlichen Rückweg beschäftigt, als mit weiterem Erkennen schöner Landschaften um mich herum.
Als Rundweg um die Landspitze war dieser Nachmittag fast zu Ende. Somit fummelte ich noch ein wenig am Smartphone herum, bis mir irgendwann auffiel, das lediglich der Helligkeitsfaktor auf komplett dunkel eingestellt war. Mit der richtigen Einstellung war das Gerät später wieder normal nutzbar. Doch ich machte mir zu guten Recht Sorgen. Was wäre wenn das Gerät kaputt gewesen wäre. Ob mein Ticket für die Rückfahrt, ob Bankverbindung wie auch sämtliche Tourfotos wären nicht abrufbar gewesen. Ein fatales Szenario, womit ich noch einmal Glück hatte.

Es gab einen Aufenthaltsbereich auf dem Campingplatz mit mehreren Holzbänken und Tischen, wie auch einen Betongrill. Und da die anderen Campinggäste an ihren Plätzen den Abend verbrachten, nutzte ich die Gelegenheit und kochte an der Grillstelle die Suppe. Da ich wegen des zusätzlichen Gewicht auf Luxus wie einen Topf bislang verzichtete, stellte ich die geöffnete und halb entleerte Dose auf den bereiten Gaskocher. Eine Premiere meiner Essenszubereitung, wobei auch die Linsensuppe herrlich schmeckte und satt machte.

In der Dämmerung nutzte ich noch einmal Zeit, um zum einen den kleinen Bootsfriedhof zu besichtigen, sowie am nahen Strand die zu sehenden Muschelbänke zu betrachten. Diese Stelle war nur einige Meter von meiner Parzelle samt Zelt entfernt, so das ich bei aufkommender Flut in den Genuss kam, Wellen und Wasser zu hören, wenn ich denn zwischenzeitlich wach wurde.








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