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Dienstag, 24. Januar 2023

TourTag 08 Port à la Duc - Cap Frehel

Mein letzter, und für mich wichtigster Wandertag stand bevor. Daher musste alles am Morgen klappen. Mit dem aufstehen, mit der Busanfahrt, um das eigentliche Tourziel nach vier Tagen zu erreichen. 
Da wo ich am Vortag den Wanderweg verließ, um über Landwege nach Frehel zu gelangen, da war auch die Bushaltestelle "Port a la Duc", die ich anfahren musste.
Ich befand mich an diesem Tag vorerst auf vielen Waldwegen. Es hatte den Vorteil, das ich viel im Schatten unterwegs war, was dem Körper bei aufkommender Wärme gut tat. Und trotzdem, ich war immer mit einem schnellen Schritt unterwegs, da ich es bis zum Ziel kaum abwarten konnte.



Fort la Latte



 
Nach etwa eineinhalb Stunden gelang ich wie aus dem Nichts auf ein freies Plateau, wo ich zum ersten Mal an dem Tag von weit oben auf das Meer guckte.
Meine Trink- und Pinkelpause nutzte ich um den gestrigen Tag mit einem großzügigen Blick über die große Bucht Revue passieren zu lassen.  Denn recht genau konnte man den gegenüberliegenden Küstenrand lesen und deuten, wo es hoch und runter auf dem GR34 ging.
Die Sonnenstrahlen waren  schon recht kräftig, daher wollte ich rasch weiter. Der knorrige Pfad führte mich hoch und runter. Irgendwann saß ich nach einer Weile an einem Stück Strand, wo ich entlang des grünen waldigen Küstensaums ein Haus entdeckte, welches nahe am Wasser stand.
Auf meiner weiteren Tour konnte ich nicht erkennen, wie und wo es wohl dorthin ging, vielleicht nur von Wasser kommend.
 
Der Weg führte immer weiter nach oben. Und langsam ging es mit jedem Höhenmeter aus den Wald heraus. Entlang des Höhenwegs wechselten sich Hecken und freie Blicke auf das Meer ab.
Klein war ein zu erkennendes Boot, was sich bei den Wellen auf und ab bewegte. Aber da war noch etwas. Und dann stand ich da, neugierig in einem Moment, wo ich einen dunklen Fleck im Wasser besser erkennen wollte. Es war eine Robbe, eine riesige schwarze Robbe die wie das vorher gesehene Boot auf und ab schwamm, für Bruchteile von Sekunden auch mal abtauchte, und dann wieder sichtbar war.
Ich hörte von irgend woher Stimmen. Aber es war aufgrund der vielen Hecken und Kurven kaum auszumachen, woher sie kamen. Irgendwann sah ich über das Gebüsch blickend eine bunte Flagge im Wind wehen. Hin und her. Noch einige Meter weiter, und ich konnte erste Konturen der Burg sehen.
Ja, es war soweit. Mein erstes Ziel nahte. Weit im Wasser stand sie da, die so ersehnte Burg
Fort la Latte. Ich war sehr angetan vom Äußeren dieses mittelalterlichen Bauwerks. 


Beide Leuchttürme am Cap Frehel

ein Stück weiter traf ich Menschen, von denen ich wohl aus der Ferne die Stimmen hörte. Eine Familie, ebenfalls wie ich damit beschäftigt zu fotografieren. Weiter gingen sie, und aus mir kam ein zaghaftes Hey, und die Frage, ob man mich kurz mit dem Hintergrund fotografieren könnte. Zu meiner Überraschung sprach mich der Mann direkt auf Deutsch an, obwohl er eben noch mit seiner Familie französisch sprach.
Eine gute Stunde waren wir von da an Gesprächspartner. Gemeinsam gehend bis zur Bucht, um uns mit Blicken zur Burg und dem ausruhen auf Felsen weiter zu unterhalten.
Der Herr, geboren in Duisburg lebt seit seiner Kindheit in der Bretagne und hatte aufgrund der verwandtschaftlichen Beziehungen noch gute deutsche Sprachkenntnisse. Und ihm lag sehr viel daran, bei jeder sich bietenden Möglichkeit wie mit mir Deutsch zu sprechen.
Nun, er war sehr begeistert von meinem Vorhaben mit begehen des Wanderwegs, und ich war recht erstaunt und interessiert über seine sehr nachhaltige Lebensweise, die er mit seiner Familie führte.
Er stieg aus dem Dienst als Gymnasiallehrer aus, da er plante, den kürzlich erworbenen Hof nachhaltig zu verändern, um dementsprechend von eigens angebauten Lebensmitteln zu leben. Gerne hätten wir weiter und weiter geredet, aber ich fing wegen meiner Zielsetzung meines Weges an zu drängeln um weiter zu kommen.
Ein interessanter Mann, eine interessante Familie wo ich leider Au revoir sagen musste. Das sind erlebte Momente, welche ich bestimmt anders erleben und genießen könnte, wäre ich zeitlos und ohne Druck auf meinem Weg unterwegs. Denn es klang auch wie eine kleine Einladung beim Abschied zum Abendessen, welche ich leider ausschlagen musste.
 
Es ging für mich weiter. Nach kurzer Strecke mein Blick zurück zur Burg. Es war immer noch ein bunter Anblick mit viel Grün und Blau der Umgebung. 
Und wieder umgedreht befand ich mich auf den Weg in eine Heidelandschaft. Ich sah über viele Kilometer großflächig überall blühendes Heidekraut. Ein fast schon lila farbiger großer Teppich, dazu das tiefe Blau des Wassers und des Himmels, und der nun zu sehende große Turm am Cap Frehel.
Ein wahres Farbwunder der Natur.



Da kann man doch nur happy sein, wenn man einen solchen Weg geht.
Hier spürte ich wieder eins der vielen Wunder, welche es ausmacht diesen Weg zu gehen.
Wieder einmal wurde ich damit bestätigt, dass immer wieder ein weiteres und noch besseres Postkartenmotiv zu bestaunen sein würde. Erlebte Glücksmomente, wie auch diese sind in mir gedanklich und gefühlsmäßig eingefroren.
Und das ist noch nicht alles, denn unerwartet kam ein Anruf. Leider schnell wieder unterbunden aufgrund des schlechten Empfangs.
Ich sah, das es Julia war. Sie hatte an diesen Tag ihre alles entscheidende Prüfung ihrer über fünf Jahre dauernden Ausbildung. Noch am Morgen sendete ich einen Gruß um ihr Glück zu wünschen.
Kurze Zeit später klappte es mit der Verbindung. Kurz und schmerzlos erzählte sie vom Bestehen der Prüfung und ich hatte nicht nur wegen der starken Windböen ziemlich viel Wasser in den Augen.
Was für ein glücklicher Tag, den ich erleben durfte.
Heute führt sie in einem Kindergarten eine eigene feste Gruppe, für die sie allein verantwortlich ist.
 
Ich erreichte das Cap Frehel mit seinen zwei Türmen. Weit reichte der Blick der Küste entlang bis nach Saint-Malo. Eine Story die ich so vorher nicht im geringsten geahnt hätte.
Hätte mir das jemand in der Zeit davor prognostiziert, ich hätte es nicht geglaubt. Ich, dem immer egal in welcher Lebenslage und von wem auch immer begleitet empfohlen wurde, alles mit doppelter Absicherung zu tätigen. Hier wagte ich nun einmal viel ohne langer Planung, ohne viel Absicherung. Und das an fremden Orten, ohne die dortige Sprache zu kennen und ohne dem Wissen, ob mein Körper das alles auf lange Zeit mitmacht.
Und das es noch weiter ging, das dabei noch weitere Steigerungen erlebt wurden, das ahnte ich genauso wenig.
 
Dort am Parkplatz gab es die Bushaltestelle, die für mich zwecks Heimfahrt richtig war.
Wissend, dass es auf dem weiteren Weg einige Grotten laut Karte gab, und die wohl mit schönsten Strände, blickte ich in Richtung Westen und sah, das da noch ganz viel Blau war.  Und das was ich da am Horizont sah, das fotografierte ich und speicherte dies in meine Seele, denn das wollte ich später irgendwann noch sehen, erleben und begehen. Das stand fest, denn dieses Fieber hatte mich gepackt.
Dann kam der Bus. Au revoir Grand Randonee.
 
Der Bus brachte mich wie viele andere nach Saint Cast, wo ich wie am Vortag umsteigen musste.
Einmal 2,50 € bis dorthin. Und von dort für die weitere Fahrt noch einmal 2,50 €.
Ich ging in Saint-Cast wieder in den Supermarkt, die letzten Lebensmittel, eine Flasche Cidre mit Korken. Dann das warten auf den Bus.
Der Bus kam mit Fahrziel Saint-Malo. Im Hieb war ich nicht mehr ich. Mein Herz schlug unerträglich heftig. Im Bus saß wieder die Busfahrerin. Keine Ahnung wie sie hieß. Charlotte, Suzan, Isa, Claudine, egal, sie war es wieder und ich versuchte dieses Mal das Ziel Lancieux richtig auszusprechen. Sie schmunzelte und gab mir das Ticket. Schon einen Tag zuvor war sie als Fahrerin dieser Linie unterwegs. Da fragte sie recht direkt nach der Haltestelle, wo ich aussteigen wollte, um dort mit dem Bus stehen zu bleiben. Nach meinem aussteigen winkte sie mir kurz zu und hatte ein strahlendes Lächeln.
Ich setzte mich ziemlich mittig im Bus auf einen Platz am Fenster, diesmal war er voller.
Keine Anfrage wie am Vortag, wo ich aussteigen würde, sie hat es sich wohl gemerkt.
Wieder eine gute halbe Stunde später. Der Bus fuhr entlang der Küste und hielt meist da, wo strandige Menschen einstigen und nach Hause wollten.
Ich finde das die Stimmung in den französischen Linienbussen immer so anders, schöner, vertrauter ist wie bei uns. Irgendwie so familiär in einem rollenden Viereck auf Rädern. Dazu in vernünftiger Lautstärke französische Musik aus dem Radio. Das gesamte Bild ist einfach mehr folkloristischer, eben passend zu dem ganzen Bunten dieser Welt dort.
 
Wir näherten uns Lancieux mit einem ziemlich zügigen Tempo. Kein Halteknopf in den Bussen. Meine Haltestelle kam näher. Ich will aufstehen, sie rollte zügig weiter ohne stehen zu bleiben.
Was jetzt? fragte ich mich.
Es folgte die Haltestelle am Markt und Kirchplatz, - es ging wieder weiter.
Ich stand auf, nicht wissend was ich sagen sollte und setzte mich direkt hinter der Fahrerkabine auf dem freien Sitz und versuchte gestikulierend mitteilen zu wollen, dass ich aussteigen wollte.
Upps, so lese ich wohl ihre Gedanken, völlig übersehen. Was nun?
Wir sind schon raus aus der Stadt und steuerten den Berg hinunter. Ich versuchte im broken English zu erfragen, ob sie nicht einfach stehen bleiben könnte um mich aussteigen zulassen.
Sie schüttelt den Kopf, versucht mir in ruhigen Worten etwas zu erklären. Wir näherten uns schon fast der Brücke wo es direkt nach Saint Briac ging.
Der Bus bremste, der Blinker leuchtete nach links auf.
Die nun einzig kommende Straße nach links führt durch ein Wohnviertel wieder nach Lancieuc zurück 
Der Gegenverkehr ließ sie links abbiegen. Sie fuhr tatsächlich wegen mir von der eigentlichen Route ab.
Lenkte in die Straße ein, bremste, setzte die Warnblinker und den Rückwärtsgang ein.
Hinter mir ging ein raunen durch den Bus, man fing an zu tuscheln.
Es gab ahhs, und es gab ohhs, während sie vorwärts, rückwärts solange den Bus hin und her bewegte, bis sie wieder gerade auf der Landstraße fahren konnte. Zurück in Richtung Kirchplatz von Lancieux.
Dazu während der restlichen Rückfahrt ein kleines zartes lächeln und grinsen zu mir, welches ich im Spiegel erkannte.
Jetzt wo sie auf dem Platz nach kurzer Fahrzeit anhielt, wollte ich gerne mit weiter fahren wollen, egal wohin in diesem Moment. Nach ihrem Namen fragen oder verabreden zwecks Kennenlernen.
Die vordere Tür öffnete sich, ein weiterer Herr mit Kind wollte auch aussteigen.
In dem Moment wo ich irgendwas stammeln wollte, wie danke für das zurück fahren, oder für das wenden, ergriff ihre Hand meinen Unterarm, streichelte sanft drüber und sagte einen für mich nicht zu verstehenden Satz und ließ mich wieder mit einem Lächeln aussteigen.
Die Tür schloss sich, der Bus rollte los, und wieder gab es das freundliche zuwinken zum Abschied.
 
Hmm, Programm für den Abend war nun das grobe packen am Zelt für die am nächsten Tag folgende Ab- und Rückfahrt. Etwas essen am Strand und früh schlafen gehen.
Am Zelt angekommen räumte ich die im Zelt verstreuten kleinen Sachen zusammen.
Ich kniete am Eingang, blickte in das Zelt und auf meine Sachen und sagte „Nein“!
Für eine Weile weigerte ich mich, dort abzureisen. Ich hatte mich heftig verliebt und wenn ich den Ort verlassen würde, dann hätte es kein Wiedersehen gegeben. ….wie?
"Nein, ich bleibe. Ist mir doch scheiß egal was zu Hause ist. Irgendwie kriege ich das hier hin, irgendwie werde ich auch hier überleben."
Morgen, den nächsten Tag würde ich wieder diese Busfahrt unternehmen wollen, um sie auf der gleichen Hin- oder später auf der Rückfahrt hoffentlich wieder anzutreffen. Egal, auch wenn ich kein französisch kann. Und wieder merkte ich, das dieser angekündigte Zwang die Heimreise anzutreten zu müssen immer stört bei so manchen Zufallserlebnissen.
Es kam der Moment, wo ich nach dem sacken lassen meiner Gedanken wieder weiter packte. Keine Chance gab es für mein Vorhaben. Denn der nächste Tag war ein Samstag. Samstags werden Strecken vorbei an den Kleinstädten nicht befahren. Sollte ich etwa bis zum Montag warten. Dazu wird es gewiss einen Fahrerwechsel geben. Und ich, ich hatte ein schon gebuchtes Rückfahrticket.
 
Ein kurzer, aber schöner Traum.
Ein schöner Tag ging zu Ende, mit so schönen Erlebnissen und Gedanken.
Es war eine schöne Tour, es war ein schöner Abschluss. Adieu, ich komme wieder. 
Ich träume weiter. Träume vom weiter gehen, vom kennenlernen weiteren schönen Küstenabschnitten, träumen von diesen netten und hilfsbereiten Menschen.


 











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