Dienstag, 15. November 2022

Tourtag 02 Plage de la Touesse - Rotheneuf

Mein zweiter Tag auf dem Zöllnerpfad. 

Noch nicht wissend, wie lang dieser Weg sein wird, welche Überraschungen mich täglich erwarten werden. Vom ersten Tag wusste ich nun schon, das mich die Bilder tragen werden, das auch schwierige Momente bewältigt werden mit dem Hintergrund, das am Ende des Tages die Summe aus Anstrengung, Organisation, Schritten, Schwierigkeiten, Erlebnissen mit einer mega Zufriedenheit am Schlafplatz aufgewogen werden. 
Die Busfahrt sollte schon zum Anfang der neuen Tagesetappe ein Stück Gewohnheit sein. Zu Fuß vom Hügel Alet hinunter, entlang des Hafenbeckens der Fischindustrie ging es zur Bushaltestelle, die Farben der einzelnen Schilder der Linien machten es mir leicht, in den richtigen Bus einzusteigen. Mit dem Wissen, das diese Linie noch einmal nach kurzer Zeit fährt, stieg ich im östlichen Stadtviertel noch einmal aus, um mich im Supermarkt mit dem nötigen Tagesproviant einzudecken. 
Recht schnell lernte ich, das das am Campingplatz vorhandene Leitungswasser recht bekömmlich ist, und füllte dort schon immer meine Behälter auf. Ein wenig Obst, das Stück Baguette Traditionell, ein Salat, das war ausreichend.

Der nächste Bus kam, ich fuhr wieder in Richtung Cancale, aber diesmal mit dem Ausstieg in  Saint-Coulomb. Die gleiche Prozedur eines jeden Fahrgastes wie am Vortag, Freundlichkeit und Dankbarkeit mit einem Gruß in Richtung Fahrer. Also doch, es ist hier Programm, nett miteinander zu sein.
Warum auch immer, meinen mini Wunsch, die kleine Kirche zu besuchen, verpasste ich, ich war damit beschäftigt, per Karte den richtigen Weg auf der Straße zu finden, der in Richtung Küste und dem Strand des Vortags führen sollte. Nach etwas schlendern auf der Landstraße kam ich recht zügig zu einen Einstieg hinter dem vom Vortag, um nach kurzem Weg unter den zahlreichen Nadelbäumen zum Strand zu kommen, dem Plage "de La Touesse".
Erfrischend mit der schon nachlassenden Brandung des Meeres ging es nach der Strandbegehung in Richtung „Pointe de Meinga“, einer ins Meer hinein gehenden Landzunge.
Direkt war ich wieder im Feeling des Vortags, wo ich kurvige Strecken zwischen Stäuchern, den weiten Blicken mit unterbrechenden Schluchten und Riffen genießen konnte. 
Auch wenn es an dem Tag etwas diesig war, die Farben waren trotzdem intensiv. In der Ferne das dunkle Grau und Blau, und am Rand der Felsen je nach Übergang leichtes Grün. Eben wie der Name es beschreibt, die Smaragdküste im vollen Schein.
So genoss ich folgende Schritte mit weiten Blicken in Richtung Saint-Malo, wo große Felsentürme weit im Wasser zu sehen waren. Noch musste ich mich bei all der Freude daran gewöhnen, wie viele Schritte gegangen werden müssen, wenn es ein recht gerader Weg entlang dem Wasser war, oder wenn die ein oder andere Kurve schon mal weit ins Landinnere führte.
Wie auf der Karte schon gesehen, sollte am Plage de Naturiste des Chevrets ein Campingplatz samt Gastronomie sein, wo ich mir vornahm, dort zwecks Getränkepause zu stoppen.
Der Wind hatte schon längere Zeit zugenommen, es fielen für kurze Zeit Regentropfen. 
Am langen Weg oberhalb des Strand entlang waren hinter dem Zaun reichlich Parzellen, wo Dauercamper ihre Standplätze hatten.
Ich kam der Gastronomie näher und musste feststellen, das auch hier Coronaregeln den Ablauf bestimmten. 
Dort eine lange Schlange mit Menschen, in Reihen wartend, bis sie eingelassen wurden.
Ein eventuelles Zeitfenster, wo ich mit dem Warten lange Zeit verbracht hätte. Ich ging weiter mit den Gedanken, doch folgend irgendwo im Dünen- oder Felsenbereich zu pausieren.

Gut gelaunt ging es weiter entlang von Wiesen, die bestechend schön mit Sommerblumen und kleinen rustikalen Bäumen bestückt waren.    

Aber auf den recht schönen und angenehmen Wegabschnitten auf der Ile Besnard wurde ich dann doch heftig und überraschend von der Realität eingeholt.
Begeisternd der vorliegenden Inseln mit fotografieren beschäftigt und immer wieder mit freundlichem Grüßen entgegen kommender Menschen, musste ich auf einmal recht heftig schlucken, als es wegen dem vor mir zu sehenden Wasser nicht mehr weiterging.
Natürlich hatte ich auf der Karte einen großen blauen Fleck wahrgenommen. Allerdings als Neuling dort an der Küste nicht mit der Vorstellung dieser Größe. Mit dem Blick nach links musste ich feststellen, das da eine größere Bucht mit zahlreichen festgemachten Booten war. Je weiter ich den Weg ging, umso größer, umso mehr bekam ich dieses riesige Wasserbecken zu sehen.

Alles was vorher schön anzusehen war, musste erst einmal der Tatsache weichen, das ich hier vor Ort überraschend einen weiten und langen Umweg gehen musste.
Überrascht bezüglich meiner verträumten Kartenlesung ging es auf dem Rund weiter und wieder zurück in Richtung Campingplatz.
Zum ersten mal war ich mit Momenten konfrontiert, das nicht alles auf meinem Weg so geht, wie ich es mir bis dahin vorstellte. Ich kam zum gleichen Punkt zum alten Zaun, da wo ich die Sommerblumen und die urigen Bäumen schon einmal sah.
Entlang der Bucht setzte ich mich nieder, und nahm meine verdiente Brotzeit ein. Etwas grimmig, da ich nun mit etwas Ruhe sitzend vernahm, welch großes Rund ich nun erst einmal umgehen musste.
Meine Mutter hatte zwischenzeitlich angerufen, ich rief zurück und musste hören, das sie dachte, ich wollte sie zwischenzeitlich telefonisch erreichen. Hmm, ob sie bei den kurzen Worten mitbekommen hat, das ich schlecht gelaunt war? Mit gestreckten Beinen im Sand und dem halbherzigen Genuss des Salates hatte ich mich schnell arrangiert mit der Situation, das dort und an dem Tag unverhofft der Weg etwas anders werden würde.
Ja, das war eine Aufgabe für mich, am zweiten Tourtag zu erfahren, das bei vielleicht 2000 zu gehenden  Kilometern nicht immer alles rund laufen würde. Hier an diesem Ort wurde mir direkt gezeigt, das nicht immer alles glatt gehen wird. Ob durch die bis dahin noch nicht erlebten aber gewiss kommenden körperlichen Beanspruchungen, oder bezüglich fehlender Konzentration, Umwege gehen zu müssen, die wie hier noch gering waren. Vielleicht war das direkt zum Anfang der Tour der nötige Weckruf. 
Auf einmal war mir bewusst, nicht nur körperliche Strapazen werden neben An- und Abreise, dem Weg selbst, meine Tourbegleitung sein. Hier hatte ich zum ersten Mal das Empfinden, das es Forderungen abseits der Strecke geben wird. Es wird nicht alles nach Plan laufen, wie es sich ein sonst sicherer Wanderführer für Touren denkt. Hier am zweiten Wandertag bekam ich zum ersten Mal eine Kostprobe davon mit, das der Weg nicht immer an bunten Stränden mit wohlfühlenden Anblicken entlang gehen wird. Es werden auch Kraft zerrende Umwege wie hier durch ungemütlicher Landschaft führen.

Das Wasser zog sich in Richtung See zurück, es überwogen am sonstigen Wasserrand zahlreiche blau blühende Krautpflanzen. Hier und da Spaziergänger allein oder in der Gruppe, mal mit, mal ohne Hund. 

Es ging neben dem Camping-Platz erst einmal in ein Stück Wald. Ich sah einen Abstieg, und dachte, das ich in der kleinen Bucht, mittlerweile fast ohne Wasser irgendwo durch den nassen Sand waten könnte. 
Aber auch hier irrte ich mich gewaltig. Die Bucht wurde etwas schmaler und immer tiefer, dort kam dann auch der eigentliche schmale Fluss zum Vorschein.

Noch einmal stellte fest, das ich egal wie weit es gehen wird, wieder zu dem normalen Wald- und Wiesenweg aufsteigen musste. Für den Moment hatte ich es aufgegeben, das ich nur an einem herrlichen Küstenweg entlang gehen würde, und sah es ein, eben den Umweg gehen zu müssen.

Ein schmaler nach oben führender Pfad wo auch das Gras immer höher wurde. Quälend kam ich mehr als zufällig wieder auf einem normalen Weg. Zwei Wohnhäuser, ein Campingplatz, und in Sichtweise eine Hauptstraße. Der kommende breite asphaltierte Weg führte in Richtung Hauptstraße, wo ich an drei Grundstücken mit Häusern vorbei gehen musste.

Und dann stand er da. Beobachtend mit großen Augen. 
Mist. Seit meinem schaffen an der Ehrenberg-Alm, wo viele Kunden die verschiedensten Hunde mitbrachten, hatte ich keine Angst mehr. Nach dem Schäferhundbiss im jungen Alter gab es ständig Probleme, wenn mir ein Hund entgegenkam. 
Wie angedeutet, an der eigenen Gastronomie legte sich das total. Dort war der Umgang mit den Tieren immer recht friedlich, bis hin zum streicheln und zusammen sitzen.
Und nun war im Hieb diese Angst, oder der Respekt vorhanden.
Vor dem Eingang blieb er auf der Straße stehen und bellte immer mehr.
Waren es meine Kräfte, die nachließen. Ich war für den Moment so unruhig, das ich nah stehende Mülltonnen um mich stellte, in der Hoffnung das irgendwann die Hausherren heraus kommen würden.
Aber nichts von dem. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle und wagte es nicht, vorbei zu gehen.
Bis dann drei Radfahrer vorbei kamen, und sie nun Opfer des tierischen Straßenrechts waren, die angeknurrt wurden. Ich nutzte die Chance, und ging zum gemähten Feld hinüber um dort am Rand meinen Weg schnell weiter zu gehen. Bis dies der Hund checkte, war ich vorbei, und konnte beruhigt weitergehen.
Schade, mit einem Mal war ich recht enttäuscht meinerseits, weil mich binnen weniger Zeit zwei Dinge einholten, die mich psychisch stressten. Dinge, die mich später noch lange bewegten, wie und warum man so schnell von seinem Affen Angst eingeholt werden würde.

Doch ich musste schnell umschalten, um mich auf den Weg, auf die nächste nötige Abzweigung in Richtung Wasser zu orientieren. Schnell  begriff ich, wie viel Zeit schon vergangen war, und ich mein Ziel, das steinerne Skulpturenmuseum bei Rotheneuf nicht mehr angehen könnte. 

Bevor ich den Waldpfad neben der Landstraße fand, sah ich im Gebüsch seltsame Gegenstände. Da ich sie vorher noch nie so in dieser Größe gesehen hatte, hielt ich sie für keramische, weggeworfene Unterteller für Eisspeisen oder ähnliches. In Wirklichkeit waren es, was ich erst später herausfand, Jakobsmuscheln, die jemand dort im Gebüsch, warum auch immer abgelegt hatte.
Tsss, und ich dachte an Unterteller aus Gastronomien. Später sollte ich auf weiteren Wegstrecken erfahren, wie nützlich kommend die Funde noch sein werden.
Den Pfad schnell gefunden und zum Glück recht einfach wieder an der Bucht angelangt, konnte ich den nötigen Weg wieder weitergehen. Gegenüber konnte ich die Stelle ausmachen, wo ich meine Brot- und Salatpause machte und mit meiner Mutter telefonierte.
War es dort drüben gedanklich noch recht stressig wegen des Unwissen, wie der Weg weiter gehen würde, konnte ich hier nun aufatmen. Mich fixten wieder etliche Fotomotive von im Sand bei Ebbe liegenden Boote an. Und ich sah wieder das weite Meer, zwar recht schmal bezüglich der Öffnung der Bucht, aber zumindest angenehm sichtbar.
Ein Hauptstrand war dort sichtbar, samt Häusern im alten Stil. Der Weg dorthin führte an große und urige Nadelbäume vorbei, die ich zum Teil einzeln berühren und riechen musste. Die verharzten einzelnen Stellen boten bei der Wärme einen erfrischenden Duft. Ja, auch das waren Wegmomente, die unvergessen bleiben werden. Bis zu heutigen Touren fühle ich Demut vor diesen alten Bäumen, wenn ich die sehe, die gewiss bei Hitze, Wind und Wetter mehr mitmachen mussten, als wir eigentlich kurzlebige Gäste auf der Welt.

Auf dem Weg war mir nach Ansicht der Karte und Uhrzeit klar, hier wird es für den Tag kein weitergehen mehr geben. Ich war im Zentrum von Rotheneuf angelangt und sah, das der Bus in Richtung Saint-Malo in Kürze kommen würde.
Die Wartezeit nutzte ich noch schnell um einen letzten Tagesblick auf das Meer zu nehmen, und entdeckte zu meinem erstaunen, das dort am Wegesrand eine kleine Kapelle stand. 
Sie trug den herrlichen Namen 'Notre-Dame des Flots'
Die grünen Sträucher, die Farbe des Wassers und dazu das alte Gemäuer der kleinen kirchlichen Stätte waren noch mal ein recht wohltuender Abschluss des nun zweiten Wandertags, der schon recht anstrengend war, sei es auch nur der ganzen stressigen Gedanken wegen.
Und, mit dieser Erfahrung lernte ich für den weiteren Weg, das aufkommende kleine Enttäuschungen oder Erschwernisse jeden Tag durch diese Power von bunten Bildern spätestens am Abend bei Ankunft am Schlaflager wegradiert werden würden.

Recht schnell fuhr der Bus in Richtung Hauptstrand von Saint-Malo, wo ich es mir dann nicht nehmen ließ, etwas früher an der Promenade auszusteigen, um bis zur Altstadt mit den alten Stadtmauern am Wasser, im Sand barfuß entlang zu gehen. Einige Regentropfen machten mir bis dahin nichts aus, irgendwie war ich nun wieder gut gestimmt und freute mich der schönen Bilder vor Ort.

Saint Malo ist schon eine bemerkenswert schöne Stadt. Eine so lange Uferpromenade, die dort entlang der Straße viele Bauten hat, besticht aber eben auch damit, das es keine wie an der Nord- oder Ostsee gewohnten Hochhäuser gibt. Eine Mischung aus größeren Nachkriegsbauten und vielen Jugenstilvillen.
Die wie krumme Zahnstocher wirkenden Holzstämme am Strand entlang tun noch ihr übriges dazu. 
Diese wurden schon im 17. Jahrhundert in den Strandboden gerammt. Sie schützen als Wellenbrecher, da dort die Springtiden die höchsten in Europa sind, und der Meeresspiegel bis zu dreizehn Meter variieren kann.

Kurze Zeit später ging es wieder hinauf auf den kleinen Hausberg, wo der Zeltplatz auf mich wartete. Auch hier verlief ich mich noch einmal, da ich Straßenzüge beim begehen verwechselte. Dadurch hatte ich dann die Möglichkeit, auf die große weite Bucht zwischen Saint-Malo und Dinard zu blicken. Hier mündet recht breit der Fluß La Rance. 
Das dortige große Gezeitenkraftwerk verbindet mit aufliegender Straße beide Orte. 
Ein Imbisswagen stand auf der Wiese, und am höchsten Punkt war für jeden Abend eine kleine Bühne, wo unterschiedliche Musiker die Campinggäste unterhielten.  Eine französische Pommes und ein kühles Bier gönnte ich mir, um mit den vielen anderen, die teils standen, teils auf eigens mitgebrachten Stühlen saßen der Musik zuzuhören. 
Die Sonne ging unter und färbte die Bucht von Saint-Malo mit vielen verschiedenen Farben. Anblicke, die mir in einer nun neuen und anderen Welt Hunger auf mehr solcher Plätze und Abende machten.

Podcast/Hörfassung Tourtag 02 GR34meinbunterWeg











Zedern, Seekiefer und mehr an resistenten Baumarten 









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