Samstag, 2. September 2023

Tourtag 11 Anse du Croc à Plèhèrel-Plage - Cap-Frehel


Anse du Croc à Plèhèrel-Plage  -  Cap-Frehel

Es war eine lausig kalte Nacht. Ich wachte früh auf, wieder einmal mit der Hilfe von Tauben, die sich wie sonst dreimal nacheinander in den Bäumen sitzend zuriefen.


Cap Frehel

Meine holländischen Nachbarn waren schon wach, und da ich eine verkehrte Gaskartusche für meinen Kocher mit hatte, fragte ich freundlich, ob Sie mir Wasser in ihren Kocher erhitzen würden. So kam ich dann doch in den Genuss, mit zwei Tassen Kaffee den Tag befriedigend zu starten.

Es dauerte nicht lange, und schon war alles zusammen geräumt zwecks ihrer Abfahrt, alles in meiner Frühstückszeit. So ist es gefühlt mit den Küstenhoppern, wie ich diplomatisch die Reisenden mit ihren hochwertigen Wohnmobilen nenne. Meist wird nach einer Nacht und Besichtigung eines jeweiligen Hotspots vor Ort die Weiterreise angetreten. Es sind nicht viele, die als Mobiltouris länger wie ein bis zwei Nächte an einem Platz bleiben. Ich bemerkte, das sie Schwierigkeiten mit dem losfahren hatten. Ihr Standplatz lag direkt neben einer recht sandigen Fläche und Mulde. Bei der Anfahrt grub sich das recht schwere und lange Gefährt direkt in den Sand ein. Nach einigen Versuchen und sinnlosen herumstochern der Frau rund um den Reifen bot ich meine Hilfe an. Ich fand nahe liegende Holzstücke und bat um die große Fußmatte. Schon nach wenigen Versuchen mit den Hilfsmitteln stand das Wohnmobil auf dem normalen Weg und ich sah glückliche Urlauber davonfahren. 

Kurze Zeit später ging es auch für mich los. Eine für mich sehr schöne Aufgabe stand bevor. Denn ohne Gepäck, ohne Zeitdruck, und mit wenigen Kilometern war es eine der einfacheren Etappen. Die ersten Kilometer wollte ich übers Land gehen, um zumindest halbwegs einen Rundweg zu genießen. Der Weg nach Plevenon, wo ich direkt zum Anfang an ein Grundstück mit einem 1840 erbauten Herrenhaus vorbei kam.
Plevenon war recht klein, wo es mich nach dem Kirchenbesuch direkt wieder auf einen Wanderweg aufs Land führte. Schneller als ich dachte, führte mich die Beschilderung über die gut befahrene Landstraße, wo ich dann auch direkt auf dem dort schmalen Küstenpfad war.
Es war wirklich ein schmaler Pfad mit üblichen Stolpergefahren wie Wurzeln oder Steine. Es ging auch mal recht nahe entlang der Kante, aber vorwiegend vorbei an vielen blühenden Flächen. Die Felsenbereiche und Strände wurden bei der kommenden Ebbe immer breiter, sodass bis in die Ferne ein flacher Felsenteppich zu sehen war. Im Hintergrund die grüne kurvenreiche Küste mit den immer größer werdenden Leuchttürmen.
Es war vom Gesamtbild so schön bunt und leuchtend, das der Begriff Postkartenwetter dazu gut passte.
Nahe der Türme versuchte ich mein Glück zwecks Suche eines GEO-Caches, den ich auch fand. Ich könnte viel mehr dieser versteckten Schätze auf der Strecke finden. Doch mir fehlt meist die Geduld für die ein oder andere längere Suche. Denn bei langen Touren würde viel Zeit für den Weg verloren gehen. Daher entschloss ich mich zum Anfang direkt dazu, GEO-Caches nur zu suchen, wenn ich am Ziel Zeit und Lust habe, bzw wenn sie sehr schnell zu finden sind.
Ein Stück an Weg weiter war ich dann auch recht schnell am Ziel. Zum wiederholten Male erreichte ich das Cap-Frehel, und zwar diesmal von der Westseite.
Viele Touristen waren schon vor Ort, aber es hielt sich in Grenzen. So konnte ich nacheinander die mir fehlenden Motive ansehen und weitere Aus- und Fernblicke wahrnehmen. Plötzlich war ich an der Stelle, von der ich bis nach Saint-Malo blicken konnte. Es war soweit weg, und doch gut zu erkennen. Von jetzt auf gleich schwank meine Stimmung um. Nicht böse, nicht traurig. Mit dem weiten Blick, und wahrnehmen der Küstenlinie konnte ich meinen Weg vom letzten Sommer nachvollziehen. Ich merkte, wie mir in Kürze die Tränen kamen.
Es war so vieles, was mich in den folgenden Minuten bewegte. Unter anderem war mir sofort klar, was ich zum einen mit dem begehen des Küstenwegs bis dato bewegte. Ich bin mit jedem gelaufenen und erlebten Kilometer der Strecke ein anderer Mensch geworden. Und hier nun stehend, und noch einmal die Ansicht einer gegangenen Linie wahrzunehmen, das ließ viel an Glücksmomenten in mir frei. Zum einen wurde mir klar, was die Leute meinten, wenn sie mich u.a. im Alltag trafen, und in mir einen anderen Menschen sahen. Ich merkte tief im Inneren, welche Leistung vorlag, wie viele Schritte ich dort gegangen bin, wie ich immer weiter immer mehr erreichen wollte. Dieser erlebte Film bis dahin, wo ich zum damaligen Zeitpunkt weiter den Ehrgeiz hatte, das Ganze voll und ganz durch zuziehen, dieses Wohlfühlen purzelte nun wie eine gewaltige Steinlawine aus mir heraus. 
Ich hatte etwas geschafft. Nicht irgendetwas. Nichts Materielles, nichts, was mit Geld aufzuwiegen ist. Es war ein mächtig ideeller Wert, der sich mit diesen weiten Blick in die Vergangenheit noch einmal innerlich darstellte.
Von nun an musste ich nur noch gute zwei Etappen bis nach Saint-Brieuc schaffen, und war auf einmal ohne Druck. Ich konnte vorerst kommend frei planen, anreisen, Etappen Stück für Stück ergänzen, ohne Zeitdruck. Nicht mehr so, wie ich es bei den bisherigen Zielen von mir verlangte. 
Die Tränen des Glücks waren mittlerweile getrocknet. Ich genoss noch ein wenig die begangene Strecke des Vorjahrs. Sichtete fast jede zu erkennende Örtlichkeit mit meinen Augen, um so noch einmal für eine kurze Zeit jeweils in Erinnerung der dort erlebten Momente zu schwelgen.
Mir fielen Situationen ein, wie meine erste abendliche Ankunft in Saint-Malo, dem nachfolgenden Beben in mir, ein solches Projekt wie diesen Fernwanderweg gestartet zu sein.
Wie die Fahrerlebnisse bei Lancieux mit der lieben Busfahrerin, in der ich mich kurzweilig verliebte, oder dem Anruf meiner Tochter während der Königsetappe kurz vor dem Cap Frehel zum Schluss, um mir von ihrer bestandenen Prüfung zu erzählen. Ach es war so krass, diese Gefühlswelt vor Ort mit vielen Erinnerungen. 
Und eigentlich waren es doch nur ein paar Etappen mit noch wenig geschafften Kilometern von einem knapp 2000 Kilometer langen Weg. Aber es war ein gelungener Anfang, der Gefühle von einer irrer Zufriedenheit hervorrief. 
Damit war dann aber schnell Schluss. Denn ich begann mich endlich wieder für die Gegend zu interessieren. Im Jahr davor kam ich an, machte schnell an den wichtigsten Stellen Fotos, und musste dann auch schon wieder los, um den letzten Bus an der Haltestelle zu erreichen. Dieses Mal hatte ich Zeit, und so sah ich auch ganz andere weitere für mich interessante Punkte. Ich war begeistert von der kleinen aber hohen vorgelagerten Felseninsel, wo hunderte von schreienden Möwen Platz suchten und oft im Kreis darüber her flogen. Ein Naturspektakel, wofür nun viel Zeit für Beobachtungen vorhanden war. Ein Weg führte zur von mir noch nicht besichtigten Spitze, wo ein recht alter Turm stand. Hier dauerte es wieder, bis ich befriedigt allein ohne Menschen Fotos machen konnte. Auf den direkt weiter folgenden Metern konnte ich dann schon wieder auf die am Morgen zum Teil begangene Strecke schauen. Und mir fiel auf, das es immer noch so herrlich bunt war, und das der Anblick mit nun noch weniger Wasser, und dafür mehr Felsen gewaltig war. Hier merkte ich wieder, wie passend der Name der Küste ist, - Cote de Emeraude, die Smaragdküste.


Der Vogelfelsen





Sehr befriedigt und mit viel Freude startete ich den Rückweg. Ich war schon einige Meter weg vom berühmten Ort, da stand ich auf dem Weg auf einer großen Felsenplatte. Auf der machte ich es mir gemütlich und öffnete die zum ersten mal gekaufte Thunfischdose, welche mit leckerer Tomatenpaste gemixt war. Ich bildete mir ein, das nicht jeder einen solch schönen Pausenplatz findet und wahrnimmt. Ich hatte alles Schöne vor und neben mir. Zur Linken die grüne und voller Blüten weite Welt der Pflanzen, zur Rechten das weite blaue Meer mit einer sehr tiefen Bucht und sehr hohen Felsenwand. Vor mir und neben mir weitere Wegabschnitte, die hoch und runter gingen, ein Platz, der viel mehr Zeit verdient hätte. Mehr Kulisse in einer Pause ging nicht. Wer da keine Glücksgefühle empfindet und für sich speichert, dem kann man auch anders nicht mehr helfen. Und zwischendurch Momente, wo am steilen Abhang jemand mit Tauchanzug auftaucht, weil er einen der schmalen Pfade vom Wasser aus nutzte, um zum Parkplatz zu gehen.
Wechselhaft verlief mein weiterer Rückweg, gespickt mit viel fotografieren, da sich weit und breit nie gesehene Motive auftaten. Hier und da gab es auch Höhlenbereiche zu vermuten, selbst die wären es wert, zwecks eventueller, nochmaliger Anreise. Viele sind auch als Grotten auf Karten festgehalten, allerdings nur zu begehen, wenn kein Hochwasser da ist. 
Den Rückweg musste ich nun nicht mehr über Plevenon und übers Land gehen. Der Küstenpfad führte mich vorbei an Buchten und einzelnen Stränden bis zum Campingplatz. Dort konnte ich dann gechillt mein Picknickpaket für den Strand packen, um dort die letzten Sonnenstunden des Tages zu genießen. Nun also, am zweiten Abend wieder die Schritte zum Strand. Nicht wissend was mich erwartete, zog ich bis auf die Turnhose blank und genoss die Abendsonne, die solange sie auf die pure Haut strahlte, noch recht warm war. Mit der ankommenden Flut ging zeitgleich am Horizont Stück für Stück die Sonne weiter runter. Der einzige Felsen im Sand wurde von mir als Rückenlehne genutzt, und so saß ich nun da, total zeitlos und mixte mir den Salat wieder mal mit dem Thunfisch samt dem beigefügten Tomatendressing. Der Rotwein nun geöffnet, rundete alles ab, boahh, ich war frei von Strapazen und genoss diese alleinige Ruhe und Unabhängigkeit an diesem Traumort. Die untergehende Sonne stellte den vor mir im Wasser liegenden Felsen in einen warmen Lichtschatten. Der kurz vorher darauf gekletterte Angler war selbst nur noch als Schatten inmitten der rot werdenden Sonne erkennbar.

Ich war an einem Punkt angekommen, wo ich unbedingt hin wollte. Nicht nur örtlich, ideell an dem Punkt meines Weges im Leben, worauf ich lange wartete. Da, wo ich wieder angelangte, wo ich Monate über dem Winter Ungewissheit hatte, ob ich diesen Weg nach meiner Rückkehr der ersten Etappen noch einmal nach langer Pause weiter gehen kann. Eine jede Heimfahrt ist mit der Frage des nächsten Mal verbunden. Denn nie weiß ich bei der Heimfahrt, was sich folgend im Leben tun oder verändern wird, was sich wie weiterentwickelt. Und daher ist es so aufregend und so kribbelnd, wenn man zum einen nach der Rückkehr an die Bearbeitung der Bilder wie auch der Tagebücher geht, und zum anderen für die Zukunft weitere Streckenpläne und Busbuchungen für die Fortführung auf dem Grand Randonee vorplant.

Als die Sonne über dem Ärmelkanal nur noch am Horizont zu vermuten war, als fast zeitgleich einem Meter vor mir der Flutsaum angelangte und stoppte, wurde es empfindlich kalt. Das Wasser ging danach wie auf Knopfdruck zurück, der Sand dafür wurde wieder mehr, ich kleidete mich an, trank noch etwas vom Rotwein und bekam noch einmal diese gewisse Gänsehaut, allein wegen dieser Wohlfühlmomente. Ich fand dort ein Stück Leben, Freude und Landschaft wieder, wo ich so unbegrenzt frei das Ganze für mich alleine hatte. 

Der junger Mann, der mit der Angel auf den Felsen stand, war irgendwann im goldenen Schatten der untergehenden Sonne. Mal so, mal so, seine Angel war immer wieder wie ein gezeichneter Strich in andere Richtungen zu sehen. Es wurden mit die schönsten Fotos, die ich im Verlauf der Tour sammelte. Strände mit dem teils goldenen, weißen oder rosafarbenen Sand gibt es genügend entlang der Küste am Ärmelkanal. Doch ein kurzer Strand wie dieser es dort war, hat mit am meisten Charme, bezüglich der Übersicht und der erholsamen Einsamkeit.

Mein erwartetes Ziel hatte ich nun erreicht, nun standen zumindest noch zirka vierzig Kilometer von Plèneuf-Val-Andre nach Saint-Brieuc bevor, sowie zumindest drei zur Verfügung stehende Tage. Bis dahin noch gar nicht in Kenntnis und Wissen, wie belebt und bunt diese Tage bis zur Abfahrt werden sollten.


















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