Freitag, 2. Juni 2023

Tour Tag 10 Erquy - Pleherel Plage

Tour von Erquy zum Anse du Croc à Plèhèrel-Plage

Am kommenden Morgen wurde ich durch das Geräusch der Wellen wach. Geht es schöner? 
Es war nach 07.00h, und ich hatte wegen des Verzicht auf Luxus, wie Dusche, Strom und anderen Dingen kein schlechtes Gewissen, meine Sachen schnell zu packen und an der noch geschlossenen Rezeption vorbei zu gehen. Mehr als 5 Quadratmeter an Fläche beziehungsweise Wiese hatte ich nicht in Anspruch genommen. Kein Strom, kein Wasser, lediglich zwei Klospülungen.


Die Bucht und Mündung L'Islet, mein Frühstücksplatz 


Ich überzeugte mich noch einmal davon, ob die nahe kleine Insel mit der Kapelle erreichbar war, aber der Wasserstand war noch zu hoch, dementsprechend wollte ich losgehen und recht zeitnahe einen Platz zum frühstücken finden.
Am Morgen war hier noch vieles in einem tiefen Blau, da die Sonne noch recht tief stand. Ich versuchte einen nahen Ort, den ich auf der Karte sah, zu erreichen. Eine kleine Bucht, wovon ich noch nicht wusste, wie der Wasserstand vor Ort sein wird, und wie viele Schritte es bis dahin waren. 
Nach zwei begangenen Straßen mit reichlich viel Verkehr, führte an einem kleinen Parkplatz ein Pfad in die Bucht. Eine scharfe S-Kurve, wo ich auf meiner Seite viel Sandfläche vorfand, und das gegenüber liegende Ufer nur mit durchgehen des Flusses erreichen konnte.
Dementsprechend wollte ich warten, bis das ablaufende Wasser so niedrig war, damit ich mit meinem Gepäck ohne Gefahr durchgehen konnte.
Es war ein angenehmer milder Morgen, den ich nutzte, um bei noch nicht all zu heißen Temperaturen in der Sonne angelehnt an kleinen Uferfelsen zu frühstücken. Hier und da verirrten sich Hundespaziergänger oder auch Reiter, doch an sich war es recht ruhig vor Ort. 
Vögel nutzten die immer mehr freiwerdenden Sandflächen zwecks Futtersuche, während ich an den letzten Enden des mir zur Verfügung stehenden Baguette knabberte und den immer noch aus der Heimat stammenden Marktkäse von meinem Freund Uwe, unserem Anbieter mit Fleisch/Wurstwarensortiment auf dem Schwelmer Markt. Das Baguette stammte noch von der Hinfahrt, welches ich mir in Paris zwei Tage zuvor kaufte. So knapp war ich noch nie mit Lebensmittel über Tage unterwegs, da dort über das Wochenende keine offenen Läden zu finden waren. Zumindest entlang meines Wegs.
Dabei nutzte ich dann endlich die Gelegenheit, eine ebenfalls mitgenommene und bis dahin nicht genutzte Flasche mit Fruchtlimonade zu öffnen, die ich am Freitag davor von Kirsten, Uwes Frau am Marktstand, geschenkt bekam. Hier war nun endlich der Zeitpunkt, an dem ich dieses Geschenk während des Frühstück trinken wollte, und das blieb bis heute fotogen in Erinnerung.
Und wenn ich hier und da von meiner eher spartanischen Art und Weise auf meinem Weg unterwegs zu sein, schreibe, dann hat dies auch mit Glück und Zufriedenheit zu tun, mit welch wenigen Mitteln man solch ein Abenteuer angehen kann. Es sind kleine erlebte Prüfungen, die mir im Alltag und in meinem Leben daheim oftmals helfen, wenn es darum geht, in der Not zwischendurch die Ansprüche zu senken.
Und, ich kann leichter mit Entzug umgehen, wenn wie in diesen nun beschriebenen Anfangstagen meiner Tour das ein oder andere leckere Essen für unterwegs fehlt.

Da mich an dem Tag bezüglich der kurzen Strecke nichts drängelte, wartete ich geduldig ab, bis es mir vom Wasserstand und der entsprechenden Höhe passte, den immer schmaler werdenden Fluss zu durchgehen. 
Währenddessen kam tatsächlich eine geführte Wandergruppe vorbei. Pausieren wollte keiner vor Ort, ich hatte also diese kleine Bucht weiterhin für mich alleine. 
Ein Wanderführer, dazu eine gut gelaunte Gruppe, schnell war ich gedanklich im Thema, wie gut und schön es hier überall wäre, als zertifizierter Wanderführer Touren anzubieten, der ich ja nun bin. Ich glaube ich hätte nie Langeweile, und die Themenauswahl verschiedener Routen wäre auch zahlreich gegeben.

Irgendwann war es ausgereizt mit dem gammeln und ich wollte weiter. Das einfachste wäre es gewesen, in der kleinen Bucht zurück zu gehen, um dann entlang der langen Landstraße weiter zu wandern, aber das war mir zu einfach und bestimmt wieder mit viel gehen auf Asphalt verbunden. Daher nahm ich es in Kauf, das ich nass werden könnte. Ich suchte mir eine passende Stelle aus, um an das andere Ufer zu kommen. Es sollte im Wasser keine tiefen Stellen mehr geben, und der Sand durfte zwecks dem einsinken am Rand nicht mehr weich sein. Ich zog die Schuhe und Socken aus, krempelte die Hose hoch und versuchte an einigen Stellen mein Glück. Viele Möglichkeiten gab es nicht. Denn mit meinem Gepäck war das Gesamtgewicht nicht ohne. Irgendwann war ich das probieren leid, und ging einfach los. An manchen Stellen war die Strömung schon zu spüren, und es gab Stellen auf den gut zwanzig Metern, wo ich mit den Oberschenkeln versank, aber es ging zum Glück alles gut. Ich fiel nicht um, und mein Gepäck blieb trocken. 
Cool, das kühle Wasser am frühen Vormittag tat sehr gut. Meine Schuhe zog ich wieder an, und mich führte danach ein Weg durch eine Wohnsiedlung bis zum Hauptweg entlang der Hauptstraße nach Pleherel. Blicke zurück zeigten mir, das der Abschnitt vom Morgen, wo ich übernachtete, frei von Wasser war, so das man den schmalen Weg zur kleinen Insel mit der Kapelle erahnen konnte.
Schade, wäre ich doch noch geblieben, dachte ich mir. 
Kaum hatte ich darüber nachgedacht war mir allerdings schon schnell wieder klar, das vornehmlich der Weg das Ziel war. Einzelne schöne und wichtige Stationen müssen in der Not ausgelassen werden, und später irgendwann einmal besucht werden. 
Sehr steil ging es hoch entlang der Landstraße, und da es kurvenreich war, konnte ich kein Ende ausmachen, so das ich mit hängenden Kopf den Blick immer zum Boden vor mir hatte. So empfand ich es als nicht zu quälend in der mittlerweile warmen Sonne neben der Landstraße samt heißen Asphalt zu gehen. 
Streiken konnte ich nicht. Ich stellte mir gedanklich einen Schulterklopfer einer Person vor, welche mich darauf hinwies, das nach schweren Metern auch wieder einfache Wege samt schönen Blicken kommen würden.
Und Lust kam wieder auf, als ich die Straßenseite wechseln musste, und die Schilder des GR34 zu einen Waldweg zeigten. Zumindest hatte ich nun beim gehen Schatten und der laute Lärm der vorbeifahrenden Fahrzeuge war gedämpft. Dazu genoss ich den Duft der großen Kiefern, die in Mengen auf diesem Waldweg vorhanden waren. 
Upps, kurz dachte ich an die Gedanken von vorher mit der auf Schulter berührenden Person und ihren Mut machenden Spruch, das Wege auch wieder schön sein können.
Bei meiner letzten kurzen Pause merkte ich, das mein Wasserbestand merklich nachließ, und doch schöpfte ich Hoffnung eines nahen Ziels, da Pleherel schnell erreicht war. Die Gegend öffnete und lichtete sich, und ich sah nach kurzem Anstieg in der Ferne wieder das Meer.
Vor mir lag entlang einer großen Wiese die „Chapelle Saint-Hilaire de Pleherel“. Meine Hoffnung Einlass zu bekommen gab es leider nicht. Leider waren Türen des kleinen Baus geschlossen, wobei hier und da diverse alte Steine und Kreuze aus der antiken Zeit auf dem Boden standen.

In der Ferne sah ich das Cap Frehel, und davor die langen weiten Küstenstrände. Minuten waren es dann nur noch, als ich den riesigen Campingplatz mit Wald und Wegen direkt zum Strand erreichte.
Ich stand vor der Rezeption an einem großen Waldgelände. Wegen der noch wenigen Campinggäste war es möglich, tief in die Fläche des Campingplatz einzublicken. Ein Ende, egal in welcher Richtung ich schaute, war nicht abzusehen. Da die Rezeption noch geschlossen war, stellte ich meinen Rucksack und das Zelt irgendwo auf, wo es mir passte. Sonniger Schatten war mir wichtig und die Nähe zu einer sanitären Anlage. Bei meiner weiteren Begehung schätzte ich, das ich vielleicht gerade mal mittig des gesamten Platz stand. Einen Bereich mit Gastronomie entdeckte ich auch, allerdings befand sich dieser  in einem Umbau, daher leider geschlossen.
Nun, als ich angemeldet war, ging ich über die Landstraße nach Frehel zum einkaufen, es waren nur 20 Gehminuten, schneller als ich dachte. Frehel, dem Ort wo ich im vergangenen Jahr bei meiner vorletzten Etappe mit dem Bus in Richtung Lancieux zurück fuhr.
Dort fand ich einen Supermarkt, um endlich Lebensmittel einzukaufen. Bis auf das Baguette in Paris meine ersten gekauften Nahrungsmittel seit meiner Abfahrt daheim, sprich vier Tage später. Unentschlossen und lang verweilte ich im Geschäft, da ich mich in einem Raum befand, wo ich bei jedem angebotenen Sortiment hätte zugreifen können. 
Egal, wie bekannt Frehel ist, Gastronomie zum Essen liegt weit vor der Gemeindestadt, wie mir einzelne Bewohner mitteilten. Der übliche Tabak/Lottoladen, wo es in dem ein oder anderen Ort kalte Getränke und Kleinigkeiten zum essen gibt, war leider noch geschlossen, wie auch die wohl einzige Bäckerei.
Also, meine gewünschte Pizza zum Beispiel, so wurde mir erklärt, bekäme ich zu der Zeit nur aus den dort an der Küste mittlerweile modernen Automaten, die hier und da ähnlich wie Waschmaschinen an den Parkplätzen der Supermärkte aufgestellt sind. Aus praktischen und sparsamen Gründen stellte dies kein Problem für mich dar, doch für diesen Abend hatte ich mir schon etwas mehr Luxus als Belohnung gewünscht. Letztlich war es dann der fertig eingeschweißte Salat, das Baguette-Traditionell, Thunfisch mit Tomate und der noch aus der Heimat mitgenommene Käse, dazu die Flasche Rotwein und für den schnellen Durst die Dose Bier französischer Brauart, welche mir nicht so sehr schmeckt. 
Ach, und ein kleines Paket Sandwiches mit Schinken und Käse, wobei ich allerdings bei öffnen am Abend bemerkte, das dieses vor dem Genuss mehrere Minuten erhitzt werden müsste.
Es ging damit in den Dünensand, wo ich bis kurz nach Sonnenuntergang blieb. Es war nun mein wirklich erster richtiger Feierabend mit ruhen und bestaunen des Meeres. Der Übergang vom Campingplatz war ein weicher und sandiger Dünenweg, ich saß mittig in einer weiten sandigen Bucht, und vor mir genauso mittig über dem Wasser die große Sonne, die langsam das Band des Horizont erreichte. Auch wenn meine vergangenen ersten Tage ein Stück von Freiheit signalisierten, hier war ich nun an einem Punkt angekommen, wo ich echt "Wouuw" heraus schreien hätte können. 
Neben den Erlebnissen und Zeiten im Jahr zuvor bemerkte ich nun wieder direkt schon nach zwei Tagen: Ja, das will ich, ja, das tut mir gut!
Könnte ich es zeitlich ausnutzen, hätte ich die finanziellen Möglichkeiten, ich würde stetig weitergehen. Immer weiter, komme was will. Ich war in einem Film, wo ich noch mehr hätte kennenlernen wollen, ob menschlich, ob von der Natur, und über mich selbst. Denn mit jeden neuen Schritten mit dieser tollen Kulisse bemerkte ich, wie stark ich mittlerweile wurde. Vor allem im Inneren. Mit jedem weiteren Kilometer wurde ich ehrgeiziger und entwickelte einen Willen zwecks dem Ziel: Ja, ich will diesen Weg gehen, ja, ich will diese Aufgabe von so vielen Kilometer erleben und auch schaffen.
Mit der inneren Ruhe, mit dem Blick und den Geräuschen der Wellen merkte ich, wie ich stetig mit jeden Tag mehr auf dieser berauschenden Strecke eigene Tools und Werkzeuge für mein Ich entwickelte. Ob es dieser manchmal beklemmende alte Affe Angst war, der sich in vielen Lebenssituationen auf meinen Schultern fest klammerte, ob es Momente des reflektieren meiner Geschichte war, irgend etwas tat sich. Unbemerkt waren es doch vielen Entwicklungen, welche meist erst viel später bemerkt wurden.

Fremd, allein, ein dazu oft schmal gefülltes Portemonnaie, in einem anderen Land ohne die nötigen Sprachkenntnisse, und immer alles notwendige an Kraft aus dem Körper holen müssen, um möglichst viel und weit zu Fuß die nötigen Ziele zu erreichen. Nebenbei immer wieder sich selbst daran erinnern, den Weg  zu Fuß zu gehen, ohne viel Luxus, dazu nachhaltig bezüglich der Verkehrsmittel und der Übernachtungen.
Was sich wie ein gewollter Stress bezüglich Eigenmotivation liest, baute in Wirklichkeit Stress innerlich ab. Denn der Fokus des täglichen und eventuellen nicht schaffen, der engen Zeiteinteilung, Floskeln wie "ich will nicht mehr" oder "ich kann nicht" gab es in meinem Denken nicht mehr. Nicht das ich es energisch und mit Willen gedanklich beiseite schieben musste. Nein, das grübeln war meist bis auf wenige Ausnahmen hier und da, wie ich es bislang beschrieb, nicht vorhanden.
Und genau diese für mich menschlichen Erlebnisse und Erfahrungen wirkten sich sehr oft auf meinen Alltag aus, wo negative Attitüden gegen mehr Ausstrahlung an Zufriedenheit im Leben wechselten.   
Ich war an diesem Abend wieder einmal an einem Punkt angelangt, wo ich mit Abstand gestresster Zeiten daheim, und dem nun wirklichen ankommen auf der Strecke fest behaupten konnte, das ich egal was kommt, diesen Weg weiter gehe, komme was wolle.                                   

Danach, als die Sonne in der Ferne verschwand und der Himmel und das Meer rot und orange glühten, da wurde es kalt, so das ich mich schnell im Schlafsack wiederfand, und den Morgen herbei sehnte, um die wenigen Kilometer zum Cap Frehel zu gehen.


Die Bucht und Mündung L'Islet,
























Chapelle Saint-Hilaire de Pleherel








Weiter Blick zum Cap Frehel














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