Mit der nun folgenden Anreise war der Bann gebrochen. Ich traute es mir zu, kurzfristig eine neue Anfahrt zu buchen, und mich gezielt so unter Drück zu setzen, eine von mir ausgewählte Strecke zu gehen, und diese auch bis zum Abfahrtstag zu schaffen. Der Reiz war, nicht nur für eine x-beliebige Tour die lange Anfahrt in Kauf zu nehmen. Mit dieser Zielsetzung sollte erreicht werden, das ich wenn erfolgreich geschafft, im folgenden Frühsommer mit festen Willen weiter gehen würde.
Hach, so schnell war ich wieder unterwegs auf meinem Weg. Es hat doch tatsächlich keine Wochen, keine Tage gedauert nach dem ersten Stepp, um kurzentschlossen nach einem weiteren Ticket zu schauen und dann zu buchen. Mit neuer Lebensweise, vorübergehend mehr an mich zu denken, mehr Lebenszeit für mich zu nutzen, zu erleben, ohne anderen dabei weh zu tun, das gelang mir immer mehr. Und dazu dem alten schweren Affen auf meiner Schulter, bestehend aus Angst, Krankheit, Jammern usw. den Mittelfinger zu zeigen.
In diesem Fall funktionierte es recht schnell, Zielort, Zeit, Wetter und Preis der Buslinie zu beobachten, um bei der Internetbuchung nicht lange zu grübeln zwecks Entscheidung, sondern fix und schnell auf ENTER zu drücken. Das kleine Restrisiko sind doch nur geringe Kosten, die beim umbuchen oder vorzeitigen stornieren anfallen könnten.
Also, wenn Du was erleben möchtest, wenn Du handeln möchtest, um Dich schnell, kurzfristig zu beglücken mit einer Sache, die Dich langfristig beflügelt, dann drücke jetzt und gleich auf ENTER.
Mit der Sache, mit dem Projekt wollte ich mich ja als Mensch weiter bringen. Weitere Entwicklungen, mein Ich stärken. Daher drückte ich auf ENTER.
Mit dem drücken von ENTER schaffte ich es zu dieser zweiten Tour. Um mit weiteren vielen Schritten zu meinem Zwischenziel, welches ich mir anfangs stellte, zum Cap Frehel zu gelangen.
Um den Grand Randonee in der vollen Länge zu begehen, war es also eine weitere Aufgabe, diese anvisierte Strecke zu begehen, auszuprobieren, egal wie es mich fordern würde. Bei dieser nun zweiten Wanderwoche waren es mehr und längere Etappen. Es war eine Steigerung an Stress, es waren mehr Kilometer, es war ein erklärtes Ziel mit dem Cap Frehel. Es gab Momente, wo ich mich fragte, wie ich reagieren würde, wenn ich in den 5 zu Verfügung stehenden Tagen das Cap Frehel nicht erreichen würde. Es würde grundsätzlich zu verschmerzen sein. Doch hier bei den ersten Wochen lernte ich, mir Ziele zu setzen. Zweitausend Kilometer zu gehen sind nicht innerhalb kürzester Zeit möglich, somit musste ich bei jeder Anfahrt in die Bretagne Ziele abstecken, die zu schaffen sind, wobei freizeitliche Unternehmungen an letzter Stelle standen.
Allein on the way, mit An- und Abfahrt, das alles mitnehmen und aufsaugen, was mich auf der Strecke, aber auch später im Alltag pushen und aufbauen würde, um weitere Ziele zu schaffen.
JAA, - ich war jetzt jemand. Nicht irgendwer, sondern der, der jetzt seinen Weg geht. Und zwar eben diesen Weg. Und wie mir immer mehr auffiel, in allen Belangen ein bunter Weg. Ein Weg mit vielen Farben in der Natur, Farben von Menschen, Situationen und mehr, wie ich es bis dahin nicht kennenlernte. Ja, auch ich wurde bunter. Im träumen, im handeln, in mir!
Ein neues kennen lernen meines Ichs, weil mich immer dieser Umhang des Lebens, was andere forderten, was sie taten, im Tun und Handeln, beeinflusste. Nicht das ich nicht schon längst Diverses eigens entschied, aber doch immer mit dem Gefühl, es allen anderen recht machen zu müssen.
Mein Eigen, mein Ich war immer irgendwie geblockt, gehemmt, seit der Kindheit, der Ausbildung und im weiteren späteren Leben. Zuviel Druck und Erwartungshaltungen pressten mich von Kind an immer wieder in Situationen, wo ich liefern musste, anspruchsvoll, ohne Fehler. Moral, Zufriedenheit, Zuverlässigkeit, einige Beispiele, die wir im Alltag jeweils unterschiedlich erleben. Scham, Peinlichkeit, sowie Fehler, welche tunlichst nicht gezeigt werden durften.
ENTER gab mir mein Ich zurück. ENTER war fortan mit mir auf dem Weg, meinen bunten Weg.
Mich bis dahin farblosen Tupfer, der Buntes manchmal andeutete, der Buntes manchmal vorgab, aber letzten Endes farblos blass blieb, da seine Vorgaben und Entwicklungen meist bezüglich Rücksichtnahmen auf der Strecke blieben. Ich fühlte mich wie neu geboren, in einer anderen Haut, sprich Hülle, wo auch mein Kopf und meine Seele auf einmal andere Sprachen und Gefühle ausdrückten. ENTER brachte mich binnen weniger Tage zum zweiten Mal nach Paris, um von dort aus wiederholt den Bus nach Rennes zu nehmen. Hach, herrlich mein Gefühl, wieder on the way zu sein, es machte mich so glücklich, da mit jedem Tourbeginn der Startknopf auf Null stand. Es war immer wieder seither der Reiz, nicht zu wissen was mich auf jeden gefahrenen Kilometer, wie auch auf jeden gegangenen Kilometer erwarten wird.
Man fährt daheim los, und lernt bei der Abfahrt an jedes Mal neue Menschen neben sich kennen. In der Wartezeit auf den nächsten Bus in Paris Bercy werden immer wieder neue Straßen und Blocks kennen gelernt. Jede weitere Etappen zwingen dazu, neue Plätze, Gastronomien, neue Fahrt- und Busverbindungen kennenzulernen. Nichts bleibt gleich. Alles immer wieder bei Null, auch wenn es Routine wird.
Im Übrigen für Nichtwissende. ENTER ist ein Entscheidungsknopf auf der Tastatur am Computer. Mit dem drücken dieser Taste wird die Bestellung, die Entscheidung, egal welcher Fortgang bestätigt.
Suchen, sehen, überlegen, handeln, entscheiden und den Knopf drücken = ENTER!
Der Bus, der mich nach Rennes brachte, kam gut an. Ja, mir liegt sehr viel daran mitzuteilen, das ich bisher immer gute Erfahrungen mit den Flixbustouren hatte. Der Fahrer hierbei hatte allerdings die Angewohnheit während der gut fünfstündigen Fahrt in die Landeshauptstadt dauerhaft sein Smartphone anzuschauen. Ich hatte das Pech in der dritten Reihe rechts zu sitzen, und musste das ganze dauernd beobachten, was zur Folge hatte, das ich unentspannt oft den Graben rechts neben mir sah. Nach dieser Fahrt schwor ich mir, bei nächsten gleichen Erlebnissen mein Recht wahrzunehmen, und Kritik auf der dafür vorgesehenen Betriebsseite des Fahrunternehmen auszuüben.
Am Bahnhof in Rennes gibt es einen großzügig angelegten Busbahnhof. Dort waren an jedem Bussteig per Monitor Fahrtlinien und Fahrtzeiten angezeigt. Ausgestiegen und zum Bahnhof gehend sah ich einen Linienbus, der recht zeitnah direkt nach Dinard an die Küste fuhr. Damit konnte ich die Zugfahrt nach Saint-Malo und die weitere Busfahrt dort einsparen.
Cool, ca 75 Kilometer per Linienbus für schlappe 3,00 €. Es folgte die Fahrt mitten durch Rennes in Richtung Norden. Dazu durch die bekannte Mittelalterstadt Dinan. Zum Teil über die Autobahn, aber auch über Landstraßen, so war ich dann gegen 16.00 am Ziel in der Küstenstadt angelangt. Der nächste für mich brauchbare Campingplatz lag westlich am anderen Ende der Stadt. Somit ging ich noch schwer bepackt mit meinem Rucksack zum Strand um von dort auf meinen Weg zu gelangen, den ersehnten Küstenpfad.
Dinard ist ein recht bekannter Küsten- und Badeort mit einer sehr charmanten Ausstrahlung. Gewiss gibt es das ein oder andere größere Gebäude vor Ort, aber wie in Saint-Malo schon erlebt, gab es auch dort in Sichtweite keinen übergroßen Betonbunker. Nein, hier herrschte Wohnkultur zum größten Teil im alten Jugenstil. Meist geprägt durch viele Briten, die Jahrzehnte lang dorthin kamen.
Bevor ich auf dem Küstenweg in Richtung Westen ging, wollte ich die kurze Runde über den belebten Hügel der davor liegenden Halbinsel gehen. Zu schön waren die Blicke auf die flachen Felsen in der nachlassenden Brandung. Mit der kurzen Pause von etwas mehr als einer Woche war ich schnell schon wieder hin und weg von dem Smaragd farbigen Meereswasser der Cote de Emeraude.
Neben den vielen kleinen Booten und Surfern genoss ich den Blick nach Saint-Malo, dem Ort in dem ich mich noch vor kurzem so innig verliebte. Neben der Kathedrale der Altstadt war auch neben dem Hafen mein kleiner Campinghügel Alet zu erkennen. Dort wo ich meine so wundervollen ersten Nächte in der Bretagne verbrachte. Einmal herum um den kleinen Berg am Wasser entlang ging es wieder über Stadtstraßen zum bereits erwähnten Strand. Ein schmaler Betonpfad wies mir den Weg entlang vieler felsiger aber doch recht ebenen Strandpartien.
Mein Gott war das bunt dort, war das ein Kontrast zwischen der smaragden See und den links von mir steil aufsteigenden Felsen mit den schon von mir beschriebenen Häusern samt Grundstücken. Wer konnte, hatte sich mit verschließbaren Toren eine Treppe gebaut, um vom jeweiligen Garten einen kurzen Weg zur See zu haben. Auf dem schmalen Betonweg war mir schon klar, das ich hier in einer sehr anspruchsvollen Wohn- und Feriengegend der französischen Haute Cotuer unterwegs war.
Viele kurvenreiche Felsumgehungen, welche ich ging. Nach nicht ganz zwei Stunden kam ich in der Bucht am Port Blanc an. Eine kleine schmeichelhafte Bucht mit einem Camping-Platz. Davor am Strand eine coole Gastronomie mit direkten Blick auf das Wasser und der alten Leuchtturmruine. Der Tag war nach langer Anfahrt gelaufen, hier wollte ich nun für die kommende Nacht nur noch einchecken, Zelt aufbauen und dann zu einem kleinen Imbiss Platz nehmen, was mir auch bei nachfolgenden gut sichtbaren Sonnenuntergang gelang.
Bretonische Landeshauptstadt Rennes
Blick von Dinard auf Saint-Malo

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| Strand von Dinard |
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