Mittwoch, 31. Mai 2023

Tour Tag 9 Pleneuf Val de Andres – Erqui

Das wach werden nach einer Nacht mit Tiefschlaf. Zum einen gab es am ersten Morgen die Erinnerung, das ich nach der Hinreise hungrig mit nur einem kleinen Stück Baguette und einem Schluck Wasser eingeschlafen bin, und zum anderen, das ich einen Schlafplatz hatte, wo zumindest Kaffee zum Frühstück versprochen wurde.
Bei meiner Ankunft einen Tag zuvor musste ich auf einen ersten Rundgang samt eventuellen kleinen Einkauf in Saint-Brieuc verzichten, da mir noch nicht bekannt war, wie verlässlich die angegebenen Abfahrtszeiten der Buslinien sein würden. Dazu war meine Neugierde zu groß, meinen ersten Standort direkt am Wasser zu finden um dort die erste Nacht zu verbringen.


Chemin de la Pointe de Pleneùf


Der Campingplatz war recht einfach gestrickt, was man unter anderem auch beim benutzen der sanitären Anlagen merkte. Einfaches Niveau, was aber vollkommen ausreichte. Beim Anblick des Gelände samt Gebäude hatte ich den Eindruck, das die Familie einen eigenen Hof zu einem Campingplatz für und Reisende mit Zelt, Wohnmobile\wagen umfunktionierte. Den Kaffee durfte ich mir für kleines Geld aus der Kaffeemaschine an der Theke nehmen und so setzte ich mich unter dem Vorbau zum Frühstück. Mein erstes Frühstück seit langem in französischer Umgebung. Der Morgen begrüßte mich bunt mit Sonnenschein, blauen Himmel und den auf dem Gelände stehenden blühenden Sträuchern. Ich merkte, das mir das in den vergangenen kühlen Wochen total fehlte. In Erinnerung geblieben war mir vom Vorjahr so vieles, wie die Farben, Düfte und die im Hintergrund zu hörenden Unterhaltungen von ruhigen und gelassenen Franzosen. Nach etwa acht Monaten Unterbrechung erlebte ich wieder dieses Gänsehautgefühl. Ich war wie schon mal erlebt an einem neuen Ort in einer mir unbekannten Region. Und doch fühlte ich mich heimisch, auch bedingt durch die eben genannten Eigenschaften. Auch wenn es zum Beginn einer Tour, zum Beginn eines neuen Tag Ängste gab, da ich nie wusste, was mich unterwegs und am Ziel erwartete, ich fühlte mich wohl, was mir immer wieder Mut machte. Und trotz Fehlen der Sprachkenntnisse, die Freundlichkeit der Menschen gaben mir Geborgenheit für den Fall, falls ich irgendwann Hilfe gebraucht hätte. Ich war froh über meinen Mut und der Entscheidung, das ich nach der ersten langen Pause dieser Tour weiter begehen wollte. Warum? Weil ich neugierig bin, weil ich immer wissen möchte, was hinter dem bereits Erlebten auf mich wartet. Eigenschaften, die ich seit meiner Kindheit kenne. Mich machte es traurig, wenn mein Papa gewisse Orte aus Zeitgründen nicht anfahren konnte. Berge, die ich sah, wollte ich besteigen, um zu sehen was dahinter zu entdecken war. Auch wenn es manchmal auf dem langen Zöllnerpfad dauert, mir würde etwas fehlen, wenn ich  landschaftliche Veränderungen auf der Strecke nicht mehr zu Fuß wahrnehmen dürfte.
Ich sondierte während des Kaffee trinken meine örtliche Lage und versuchte die weitere Strecke zu planen. Mit Hilfe des Internets merkte ich, das ich die nächsten Etappen komplett zu Fuß und ohne Hilfe der sonst gewohnten Busfahrten abends zurück zum Campingplatz, absolvieren musste. So musste ich von Camping-Platz zu Camping-Platz mit meinem Gepäck wandern, und mein weiterer Verbleib auf dem Platz war somit Geschichte. Auf der Karte erkannte ich, das die nächsten Campingplätze bei Erqui sein würden. Ungewissheit herrschte darüber, welche Einkaufsmöglichkeiten mich dort am Sonntag erwarten würden. Dazu ein mit zu vielen Materialien bepackter und zu tragender Rucksack, mein weiteres Handycap. 
Recht schnell hatte ich alles zusammengepackt und meine Übernachtung bezahlt. Es ging zum Hauptstrand, wo ich am Vorabend nach der späten Ankunft noch Möglichkeiten zum Essen suchte. Mein Grinsen war schnell da, als ich wieder am Casino vorbei kam, aufs Meer schaute, und an der Strandpromenade Zelte sah. Dort stellten verschiedene Künstler ihre Werke aus. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, Zelt für Zelt zu besichtigen, um dann in Richtung Hafen meinen Weg zu finden. Blauer Himmel, ein geiles Wetter, Kunsteinflüsse die ich gerne mitnahm, so begann mein erster Wandertag.




                               









  



"Chemin de las Pointe de Pleneuf", so hieß der Wanderparkplatz, wo meine erste kurze Rast anstand, um Blicke in Richtung "Ilet de Verdelet" zu genießen. Eine kleine Insel, ein Vormittag, wobei sich das Wasser zurückzog, und Fischer mit ihren langen Angeln weit nach vorne gingen. Ich legte mein Rucksack auf eine der Bänke ab und kletterte zwischen den naheliegenden Felsen, um meine ersten Jakobsmuscheln zu sichern und mitzunehmen. Die weitere Umrundung war wegen Felsabbruch nicht machbar, so das ich den kurzen Höhenweg nutzte, um das kleine Cap zu umgehen. Die Mühe lohnte sich trotz der ersten Schweißperlen, denn dort oben hatte ich einen weiten Blick auf den schon benannten Bereich und den kommenden Küstenabschnitt in Richtung Norden. Der Pfad führte mich auf die Höhe durch dichtes Grün zu meinem ersten GEO-Cach auf der jetzigen Tour. Von dort hatte ich über viele Kilometer den Strand nach Erqui im Blick. Das anziehen des Sweet-Shirt war nun nötig, denn hier wehte ein kräftiger Wind, der trotz der warmen Sonnenstrahlen unangenehm war. Meine Freude war groß wegen des weiten Blicks meiner noch zu laufenden Strecke, soviel Grün am Weg entlang, darunter weite sandige Strände und das blaue Meer mit seinen vielen Bewegungen.

Das Cap Erqui, mein nächstes Ziel war in weiter Ferne erkennbar, es sah von dort oben recht weit bis dahin aus. Der Weg führte hinunter, wo ich die Entscheidung traf, mich vom üblichen Weg zu lösen und weiter am breiten Strand entlang zu gehen. Eine fast beigefarbene Sandfläche, die ich unendlich weit wie eine Wüste empfand. Starke Winde wirbelten schon mal den Sand hoch, kleine Inseln mit Felsen wechselten sich ab, und mit schnellen Tempo fahrende Strandsegler tauchten auf und fuhren wieder davon, bis sie in der Ferne nur noch als kleine Punkte auszumachen waren. Ja, die Strecke zog sich, das Gepäck auf dem Rücken erschwerte in der Mittagssonne manchmal mein weiter gehen. Ob Strandgeher, Strandtouristen, spielende Akteure, die Figuren wurden langsam in Richtung Erqui mit jedem weiteren Schritt größer, und trotzdem, es zog sich bis dorthin wie Kaugummi. Beim Betrachten der Karte war ich schon recht nahe bei der Stadt, und doch, die letzten Meter zur asphaltierten Straßen zogen sich immer noch sehr. Ein hier vermeintlich verpasster Campingplatz wäre zur Erleichterung das Ende der Tagestour gewesen, doch leider erkannte ich diesen nicht. Es war mein erster Wandertag, mein Körper musste sich wieder an lange Strecken gewöhnen. Den Luxus wie bei Saint-Malo, wo ich im Vorsommer fast jede Strecke wegen fahrender Busse ohne Gepäck ging, hatte ich diesmal nicht.

Ich kam zum Stadtkern, es ging auf und ab, etwas entfernt erkannte ich eine kleine Bucht mit Hafen und kleinen angelegten Booten. Dahinter musste laut Karte das erhöhte Cap Erqui mit vielen Aussichtspunkten sein. Schon etwas schlapp wollte ich einfach nur einen der auf der Karte gekennzeichneten Zeltplätze daneben finden, was sich aber als schwer erwies. Denn zu sehr fixierte ich mich darauf eine Bäckerei zu finden, anstatt den üblichen Wanderzeichen zu folgen.

Und ohne es zu bemerken, war ich schon hinter dem Stadtkern auf eine Höhe angekommen, worüber ich mich in der nun heftigen Mittagssonne sehr ärgerte. Ich beging auf der Höhe einige Asphaltstrecken, weil dort laut Navi Campingplätze sein sollten. Schon die ersten zwei Möglichkeiten waren geschlossen. Davon einer, der einen recht verwilderten Eindruck hinterließ. In späteren Gesprächen fand ich heraus, das so kurz nach der Corona Pandemie viele Unternehmen in Bereichen der Gastronomie und Touristik aufgaben und nicht mehr öffneten.
Ein weiterer Platz hatte viele Luxussterne, welchen ich wegen des dementsprechenden Preis ignorierte. Selbst darin war ich auf der Tour recht kleinlich, denn bei vielen nötigen Anreisen und Übernachtungen möchte ich sparsam wie möglich handeln. Erst in Ausnahmefällen entscheide ich mich zu einem Campingplatz mit mehr als drei Sterne.

Mein letzter Versuch und die Entscheidung, außerhalb des Ortes einen angegebenen Platz anzugehen, erwies sich als Volltreffer. Mir war es irgendwann egal, ob ich zum Abschluss des Wandertag einen offiziellen Platz finden würde, oder alternativ in der Natur am Strand schlafe, so erschöpft war ich, vielleicht auch, weil ich in der Hitze über viele Asphaltstraßen hin und her ging. Zumindest sollte dort recht nahe eine bis zum späten Abend offene Gastronomie sein, wo ich essen und trinken konnte.
Und so kam es am Ende des Tages wieder einmal zu vielen Glücksmomenten. 
Ein Campingplatz, der recht eben und direkt am Wasser lag. Im Hintergrund zu sehen eine Erhebung mit vielen Wohnwagen und festen Hütten. In der Rezeption konnte ich zum anmelden niemand mehr antreffen, so stellte ich nahe des Zauns mein Zelt auf und hatte einen überwältigenden Blick zum Wasser und der dort bei Ebbe frei liegenden kleinen Insel mit einer kleinen Kapelle.
Körperlich recht müde merkte ich, wie langsam die Spannung von mir abfiel. Ich merkte, das ich an einem sehr schönen Ort zum schlafen ankam, und resümierte, das trotz mancher Qual die Wege und Ziele wohl so sein sollten.

Mein Zelt war schnell aufgebaut, das mit ungewohnter Nähe zum Wasser. Ich machte mich auf zum Restaurant. Der Dünenweg war direkt hinter dem Zaun.
Dazu im Abendlicht die weite Küste samt den Felsen und Leuchttürmen vom Cap Frehel. Vor mir hatte ich den direkten Blick auf die Insel mit der  "Chapelle Saint-Michel", die man bei Niedrigwasser zu Fuß besuchen konnte. Ein zweiter Abend an der Küste, wo ich mit schönen Anblicken bereichert wurde, was mich trotz der Strapazen des Tourtags sehr glücklich machte.
Diese Momente sind Geschenke im Leben, für mich auch immer wieder Belohnungen und Mutmacher  bezüglich der Mühen und Strapazen des jeweiligen Wandertag.
Ein verstaubter zu befahrener Weg führte mich zur Gastronomie, wobei die vielen Sitzmöglichkeiten außen nicht genutzt wurden. Auf Anhieb fühlte ich mich im Raum sehr wohl, in dem gute und lockere Stimmung der Gäste und dem Personal zu spüren war. Bunte Wände voller Schallplattencover, alles andere in grauen Holz gehalten. Ich bekam einen Fensterplatz zugewiesen, ansonsten waren dort viele größere Gruppen, die dort gut gelaunt den Abend mit interessanten Speisen verbrachten. Ich war kaum fähig die französische Speisekarte zu deuten, so blieb ich bei einer großen Auswahl an Salaten hängen. Im gebrochenen Englisch sagte ich der Bedienung, welcher bunte und herzhafte Salat es sein sollte. Als mir der Teller serviert wurde, musste ich die Bezeichnung von der Speisekarte fotografieren. Denn diese Zusammenstellung würde ich gerne irgendwann und irgendwo noch einmal bestellen wollen. Verschiedene Salatarten, Fisch und mehrere Etagen an Toast füllten den Teller mit einer hervorragenden Sauce. 
Viele Stunden vorher ärgerte ich mich noch über unnütze und vertane Schritte, gequält in der Sonne, mehr auf Asphalt anstatt auf übliche weiche Küstenpfade. So kamen beim essen und genießen der coolen Atmosphäre nach und nach wieder Gefühle und Erinnerungen auf, an Tage wo ich im Vorsommer an der Cote de Emeraude startete, und immer am Abend verzaubert von Glücksmomenten war, egal wie stressig der Tag samt Tour war. 
Es war ein wunderbarer Lernprozess zu wissen, wie viele Mühen erforderlich sind, diese täglich mit Geduld abzuarbeiten, um dann am Ende in Erinnerungen vieler Erlebnisse und gesehenen Bildern zu schwelgen. Mühen einer langsam vorankommenden Schnecke auf dem Wanderweg wurden belohnt, mit dem Auto konnte dies nicht annähernd so erlebt werden.
Der Blick auf das Wasser offenbarte mir auf dem Rückweg, das ich im Verlauf des Abends und des kommenden Morgen keine Chance haben würde, zur Insel rüber zu gehen. Die Flut jeweils ließ es nicht zu. Verkehrslärm wie auch Stadtgeräusche waren weit weg und nicht zu hören. So behielt ich den schönen Eindruck zum einschlafen, und lauschte den Geräuschen der nahen Wellen und dementsprechend im Wasser rollenden Steine. Es ist so einzigartig schön, wenn man frei in der Natur neben den erwähnten Geräuschen und der frischen Seeluft, vielleicht nur wenige Meter entfernt vom Wasser, die Nacht verbringen kann.



Der Küstenweg zum Cap Erqui


 "Ilet de Verdelet" 
       
                                        





Ein schöner Schlafplatz direkt vor der kleinen Insel mit der Chapelle Saint-Michel


                 

Salade Seguin


  

                         Ilot Chapelle Saint-Michel


                                                       

                 

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